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Mela Hartwig: Bin ich ein überflüssiger Mensch?

Roman
Graz-Wien: Literaturverlag Droschl, 2001.
171 S., geb.,
ISBN 3-85420-574-0.

Link zur Leseprobe

"Ich" ist die zentrale Vokabel dieses Romans, in dem Selbstanalyse als Vivisektion betrieben wird.
Die dreißigjährige Stenotypistin Aloisia Schmidt bilanziert ihr Leben. Angesiedelt ist es im Österreich der Jahre 1899 -1929. Die historischen und sozioökonomischen Veränderungen dieser Zeit spielen in den Text hinein, der Lebenslauf wird an konkrete historische Situationen angebunden, indirekt also auch ein Sittenbild des Österreich der Zwischenkriegszeit gezeichnet. Schmidt stammt aus einfachen, beinahe ärmlichen Verhältnissen. Sie ist ein ungeliebtes Kind, dem nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zentrum elterlicher Beachtung ist sie nur als Gegenstand von Schimpftiraden. Auch in der Schule gelingt es ihr nicht, sich hervorzutun. Trotz größter Anstrengungen sind ihre Noten lediglich mittelmäßig. Bleibt also nur mehr die Flucht in die Faulheit und die Kunst. Schmidt ist begeisterte Theaterbesucherin. Sie ist fasziniert vom Schauspiel, das es Menschen ermöglicht, für einige Stunden im Rampenlicht zu stehen. Romane bieten ebenso probate Fluchtgelegenheiten. Sie sind ein Angebot, sich in ein süßlicheres Leben hineinzuphantasieren.
Mit dem Einrücken des Vaters an die Front spitzt sich die ökonomische Situation der Familie zu. Der Eintritt ins Berufsleben wird für Schmidt zum Muss und zur nächsten Katastrophe: nach einer kurzen Probezeit wird sie entlassen und zur Streunerin, da sie es nicht wagt, das eigene Scheitern zuhause einzugestehen. Eine Situation, die sich noch wiederholen wird. Der Vater kehrt als Invalide aus dem 1. Weltkrieg zurück und die zuvor selbstständigen Frauen werden wieder in alte Rollenbilder gedrängt. Immerhin kann bzw. muss Schmidt wieder arbeiten gehen, die Versehrtenrente des Vaters reicht nicht aus, um damit eine ganze Familie zu versorgen.
Doch Arbeit bleibt ein Drahtseilakt, das Scheitern immanent: "Ich war das, was man eine blutige Anfängerin nennt, wenn ich auch nicht genau weiß, was man sich eigentlich unter diesem Wortspiel vorstellen soll. Ich war die Unbrauchbarkeit selbst, ich war die Unfähigkeit in Person."
Unfähig ist Schmidt auch dazu, eine Liebesbeziehung einzugehen Das Verhältnis mit einem Medizinstudenten ist aufgrund von Selbstzweifeln zum Scheitern verurteilt. "Es war ein Mißverständnis, daß ich ihm gefiel, daran war gar nicht zu zweifeln. [...] Er hatte mich noch nicht durchschaut, denn sonst hätte er mich bereits verlassen [...] Ich konnte den peinigenden Verdacht nicht loswerden, daß er gar nicht mich, daß er nur die Vorstellung, die er sich von mir machte, liebte, denn mich zu lieben, hatte er, davon war ich überzeugt, keine Ursache."
Eine Vernunftehe wird abgewendet und damit Platz für weitere komplizierte Bekanntschaften geschaffen.. Schließlich lernt Schmidt eine junge, seelisch zerrüttete Schauspielerin kennen, mit der sie eine Freundschaft nach dem dem bestbekannten Beziehungsmuster führen kann: Ablehnung und Vereinnahmung. Als die Schauspielerin sich das Leben nimmt, tritt sie deren Nachfolge als verschmähte Liebende an. Einem rücksichtslosen Bauingenieur ist sie ergeben bis zur Selbstaufgabe, d. h. bis zum Selbstmord, der dann aber doch nur Versuch bleibt - Schmidt lässt sich wieder scheitern.

Gebetsmühlenartig werden Phrasen des Gestehens und Beteuerns wiederholt. Sie verleihen dem Text einen eigenen Rhythmus, der allerdings nie langweilig, klappernd wird, sondern quälend bleibt, da das Sich-Abfinden mit der eigenen Unzulänglichkeit bzw. den Gegebenheiten ausbleibt. Fräulein Schmidt erteilt dem Prinzip des Entwicklungsromans eine klare Absage. Gut wird nichts.

Hartwig hatte ihr Romanmanuskript 1931 fertiggestellt. Gedruckt wurde es damals nicht, da es laut Verlag dem Geschmack "des deutschsprachigen Lesepublikums und besonders der deutschen Frau" nicht mehr entspreche. Der "Problemfall" Schmidt passte nicht in das geforderte Bild der tüchtigen, in der Arbeitswelt stehenden modernen Frau. Dorthin passt es auch heute nicht. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass das Werk seine LeserInnenschaft findet.

 

Barbara Angelberger
4. Dezember 2001

Originalbeitrag

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