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Alois Hotschnig: Ludwigs Zimmer.

Roman.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000.
176 S., geb.; öS 218.-.
ISBN 3-462-02923-1.

Link zur Leseprobe

Sterben und erben, das ist ein altes Thema, und viel gäbe es dazu zu sagen. Doch Alois Hotschnig, der beim Schreiben immer Qualität vor Quantität gestellt hat, kommt mit einem relativ dünnen Buch aus, um alles Wesentliche in einen Kärntner Kontext zu transferieren. Und wenn eine Geschichte in Villach-Landskron ihren Ausgang nimmt, dann können es wohl nur besonders fatale, schwermütig-dekadente Akzentsetzungen sein, die deren ganze Atmosphäre prägen.
Schon der erste Satz in Hotschnigs neuestem Roman, der eine künstlerische Publikationspause von 6 Jahren beendet, bestätigt diese Erwartung: "Ich hätte die Erbschaft nicht antreten dürfen, damit fing es an, dieses Haus hat schon andere vor mir nicht glücklich gemacht, [...]" (S. 7) In kunstvoll verschlungenen, mäanderartig fließenden Sätzen bringt Kurt Weber, der Protagonist, in der Folge seine Gedanken an das ehemalige Haus seines Großonkels Georg Reger vor, das er seit der Kindheit kennt und nach dem Ableben seiner Tante Anna übernommen hat. Das große Anwesen mit Garten und Waldbeständen liegt auf der Schattseite im Süden des Ossiacher Sees und birgt - was sonst? - ein Geheimnis.

Was einigermaßen konventionell beginnt, eröffnet alsbald unter der Perspektive des Erzählers eine Reihe unterschiedlichster Lektüreangebote: als Erinnerungsbuch, als Familiengeschichte, als intertextuelle Poesie, als surreales Traumgaukelspiel, als Kriminalroman, als philosophische Betrachtung, als historischer Befund. Wie einst in "Leonardos Hände" (1992) geht es - abgesehen von der vordergründigen Handlung - eigentlich um ganz andere, nur latent vorhandene und indirekt angedeutete Sachverhalte. Die beschriebenen Örtlichkeiten und Landschaften werden als Konglomerate unzähliger Ablagerungsschichten von Spuren menschlicher Geschicke und Katastrophen beschrieben. Da sind einmal das Ehepaar Reger: Georg, ein Kriegsveteran und Patriarch alter Schule, und Anna, die verkörperte Unterdrücktheit; dann Paul, der sich vor Jahren umgebracht hat; Inge, eine alte Frau, die keine Einladung benötigt, um in Kurts Erbhaus Einlass zu fordern und zu erhalten; Herr Gärtner, Georgs Kriegs- und Gefangenschaftskamerad; und schließlich jener ominöse, in der Familie totgeschwiegene Ludwig, der als Knoten mehrerer Lebensfäden fungiert.

So begrenzt und überschaubar das Ausgangsmaterial ist, es gelingt Alois Hotschnig dennoch, einen eigenen Kosmos zu installieren, dessen wahre Ausmaße sich erst allmählich abzeichnen - wie beispielsweise im Falle des im Titel genannten Raums. Denn bei "Ludwigs Zimmer" spielt, wie sich herausstellt, die Polysemie von "Zimmer" entweder als Singular- oder Pluralform eine wesentliche Rolle.

Stilistisch an Thomas Bernhard und Franz Kafka orientiert, werden im Zuge der Darlegungen starke Widersprüche, Paradoxien und frappante, vom betont Ernsthaften ins Groteske umschlagende Analogien entwickelt. Die Sichtung von Orten, die als geheime Beobachtungsposten und Ausgangspunkte für Erkundungsgänge taugen könnten ("dort war ich den Blicken entzogen, und mir selbst entging nichts. [...] und von diesem Ort aus alles abgehen, was war, um wegzukommen davon", S. 35), genaue Analysen der eigenen und anderer Gewordenheit, Erörterungen des Selbstverlusts und der Selbstfindung, der Sehnsucht nach sich selbst und den Mitmenschen und des gleichzeitigen Abscheus davor gehen unversehens ineinander über. Verschiedene Ich-Erzähler sind oft kaum mehr auseinanderzuhalten, ebenso verschiedene Zeitebenen und innere und äußere Zustände, die plötzlichen Inversionen unterzogen werden. Hotschnigs Text besitzt in seiner potenziert monologischen Struktur etwas Autistisches, das auf das Prekäre von Kommunikationsprozessen im allgemeinen verweist; er nimmt auch immer parabelhaftere Züge an. Die konsequent geübte Infragestellung von Identitäten, Wahrnehmungen und der zum Einsatz gebrachten literarischen Mittel einerseits sowie Wortspiele und rituell anmutende Wiederholungen von bestimmten Motiven und sprachlichen Wendungen andererseits üben eine eigentümliche Sogwirkung auf den Leser aus. Nur schwer kann man sich dem bohrenden Verlangen nach Aufklärung der Zusammenhänge entziehen.

Schlüsselbegriffe wie Kindheit, Heimat, Wahrheit oder Geschichte werden quasi als räumliche Gebilde behandelt, in denen man sich bewegt oder die für einen verschlossen sind.
Entscheidend für die Bedeutung von solchen Orten sind Taten im Sinne von Untaten, das heißt als Versäumnisse und Verbrechen (vgl. S. 76 bzw. 156), entscheidend ist somit das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern; Identitätsbildungen erscheinen als Schuldverstrickungen. Dabei beschreitet Hotschnig, Jahrgang 1959, einen ganz eigenwilligen Weg hinsichtlich der Behandlung der Frage, in welcher Form sich denn Nachgeborene, Repräsentanten der Generationen nach dem Holocaust, überhaupt darüber zu äußern vermögen. Mit dem in Kärnten bis heute offiziell nur abwiegelnd einbekannten Konzentrationslager am Loibl-Pass hat der Autor für sich einen Themenkomplex entdeckt, der am Ende der Erzählung schlüssig ihre individuell- psychologischen und kollektiv-politischen Dimensionen miteinander verbindet.

Arno Rußegger
5. September 2000

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