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Heinz D. Heisl: die paradoxien des herrn guadalcanal.

Innsbruck: Haymon, 2000.
111 S., geb.; öS 398.-.
ISBN 3-85218-336-7.

Link zur Leseprobe

Für Heinz D. Heisl ist die Literatur etwas so Wertvolles, daß sie gefälligst auch in einem handwerklich einwandfreien Umfeld dem Publikum entgegengebracht werden soll. So verlangt der Autor für Vorträge eine stimmtechnisch ausgebildete Person, die er meist selber ist, und für die Lektüre soll das Buch ein Wertgegenstand sein und keine abgegriffene Massenware.
Das erklärt, warum der äußerlich unscheinbare Prosa-Band "die paradoxien des herrn guadalcanal" vom bibliophilen Standpunkt aus immer wieder für Überraschungen sorgt.

Ausnahmsweise sollte man den Umschlag vom Buch nehmen und wie ein Panoramabild ausbreiten, Anna Kauz' "Berg", 1994 in Mezzotinto-Technik gearbeitet, zeigt nämlich den Berg an der Grenze von Tag und Nacht und Sommer und Winter. "ich bin schon nur mehr worthall ihrer / steht meine denkmaschine eigentlich still". Diese zwei Zeilen sind halb in eine weiße Kante, halb in den Berg der Schattengrenze hineingedruckt.
Von der Textgestaltung her fallen sofort die roten Alarmbegriffe, der strenge Blocksatz und die an manchen Stellen musikalisch zu Noten aufgelöste Schrift auf.

In einem "Pfortentext" bietet Peter Bichsel eine Lese-Möglichkeit des Heislschen Werkes an, der Leser wird durch diese Schleuse mit dem richtigen Werkzeug und dem passenden Blick ausgerüstet. "Heisl beobachtet nicht die Welt, er beschreibt sie nicht. Er beobachtet die Sprache, die wiederum nicht einfach Welt beschreibt, sondern Welt ist. [...] Die Sprache beginnt Welt zu erzählen. Und Heisl macht mich nicht nur zum Leser, er macht mich zum Mitschreiber. Ich erlebe als Leser das Schreiben." (S. 7)
Und Robert Schindel schreibt dem Träger des "reinhard-priessnitz-preises 2000" ins Stammbuch: "vielleicht steh ich mir gegenueber / und was ich will ist ganz woanders / als ich hingeh".

"die paradoxien des herrn guadalcanal" bestehen aus einem kompakten Eingangstext über die persönlichen Aufzeichnungen eines nicht mehr Aufgetauchten; der Autor nennt diesen knapp zwanzigseitigen Text beinahe einen Roman, denn so etwas Zusammenhängendes wie dieser Text sei beinahe nur mehr mit der Gattungsbezeichnung Roman auszustatten.

Kursivdruck, Fett-Art, Binnen-Slash, Rot-Wörter, Ligatur-Zeichen fordern jeden Setzer heraus, bieten aber dem Leser die Möglichkeit, die jeweiligen Partikel nach einer individuellen Skala anzuordnen. Angenommen, das Rotgedruckte wäre das, was ein übermenschlicher Literatur-Lehrer beigesteuert hätte, so gibt es für den Leser Anweisungen und Erkenntnisse wie "anderntags", "ich wuerde nicht", "eilt" oder "da bricht also der tag an". In mehreren Lektüreschritten empfiehlt es sich, jeweils die Textteile mit dem gleichen Erregungslevel zusammenzufassen, aus dem angebotenen Textfeld erheben sich plötzlich interessante Wortberge mit neuen Bedeutungen und "Geschichts-Zügen".
So kommt einem auch Herr Guadalcanal völlig bekannt vor, als hätte er berühmte Schlachten der Weltgeschichte geschlagen oder das Perpetuum mobile erfunden.

Weitere Textabschnitte sind überschrieben mit "notizen in der daenischen staatsbahn", worin sich anläßlich einer Lesereise durch Legoland die Wörter plötzlich wie Spielsteine zu Spiel-Gespinsten auftürmen. "von herzlichen herzen in zuckersueßer nacht", wo die sogenannten Herzwörter auf ihre Hitzebeständigkeit hin getestet werden, "hinter dem rot weiß roten paravent" und "flaggenmikado", worin die festliche Überpracht des Patriotismus plötzlich den Gesetzmäßigkeiten des Windes zu gehorchen hat.

Wenn man sich Peter Bichsels Rat zu Herzen nimmt und die Texte mit einer Behutsamkeit angeht, als ob man sie gerade für sich selber schreiben wollte, wird der Gewinn aus diesem Prosa-Band schier unermeßlich sein. Die Texte sind so angelegt, daß man sie immer wieder lesen möchte, und schon während des Lesens begreift man, daß sich die Lektüre in dieser Form nie mehr wird wiederholen lassen.

Heinz D. Heisls Prosaband vom Herrn Guadalcanal ist auch ein Geschichtenbuch darüber, wie man Geschichten beim Lesen erfindet.

Helmuth Schönauer
5. Dezember 2000

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