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Wolfgang Hermann: Fliehende Landschaft.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2000.
107 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-85218-333-2.

Link zur Leseprobe

Mottos gehörten im Grunde an das Ende eines Buches gestellt, meist versteht man ja erst nach der Lektüre, warum der Autor gerade dieses Zitat bzw. diese Zitate an den Anfang seines Werkes setzte, besonders dann, wenn das Motto oder die Mottos (nein, der Plural heißt nicht "Motti") in ihrer meist epigrammatischen Kürze die Quintessenz des Werkes darstellen zu wollen scheinen.
Wolfgang Hermanns "Fliehende Landschaft" setzt mit einem fast zweiseitigen Zitat aus Platons "Phaidon" ein, einer Passage, die die Topographie der Unterwelt wiedergibt. Das dürfte weniger eine Quintessenz als eine Einstimmung auf das Kommende sein. Verbunden mit einem Satz Musils, der - wie so oft bei Musilschen Sätzen - einen ganzen Gedankenkosmos aufspannt, wird damit eine fast feierliche, jedenfalls getragene, gedankenschwere Stimmungslage erzeugt.

Das Platonische Motto endete mit dem Hinweis darauf, daß unter den Verstorbenen gleich nach ihrer Ankunft im Totenreich selektiert wird und "zuerst diejenigen ausgesondert (werden), welche schön und heilig gelebt haben, und welche nicht".
Der Ich-Erzähler befindet sich zu Beginn auf einer Reise in diese Zwischenwelt, er liegt nach einem Herzanfall im Krankenwagen und taucht zeitweise in die Ströme der Unterwelt hinab. Der asiatische Pfleger im Rettungsauto wird in diesen Bildern zu Charon, da paßt es genau, daß er erzählt, aus seiner Heimat Vietnam mit einem Boot geflohen zu sein. Doch die daraus folgenden Fragen des umdämmerten Patienten ("Er ist mit dem Boot gekommen. Mit einem Nachen. Auf welchem Fluß? Welcher Fluß fließt nach Europa?") tauchen schließlich hinab in den Okeanos der Erinnerungen (mit einer Frau am Meer). In dieser Art webt Hermann, vom Motto ausgehend, von Beginn an ein dichtes, fein gesponnenes Netz an Bezügen, Motiven und Übergängen. Er komponiert bis ins kleinste Detail hinein sehr genau, dabei wirkt diese Struktur nie dominant, die Fäden scheinen subkutan zu verlaufen.

"Schön und heilig leben", wie dies Hermann aus Platons "Phaidon" zitiert, ist bei ihm wörtlich zu nehmen. Hermann hat keine Scheu vor "großen" Worten, im Gegenteil, er geht unbekümmert ins Pathetische hinein, ihm scheinen die Wörter mit substantiellen, wesenhaften Konnotationen Spaß zu machen. In Todesnähe, am Krankenhausbett in Erinnerungen badend - da liegt Melancholie, Wehmut und Pathos nahe. Aber Hermann entgleisen das Sentiment, die Ursituationen, die Abschiede niemals, er hat sie stets an einer stilistisch sicheren Leine. Zudem durchbricht er stets aufs Neue seinen Erinnerungsreigen mit ironischen Einschüben: Bei der Erstbehandlung, als ihm eine Sonde ins Herz gelegt wird, gerät dem Ich-Erzähler eine junge Ärztin zur Jeanne d'Arc: "zum Schutz gegen den Tod verliebe ich mich in sie"; die Geborgenheit und der Schutz bei der ersten Frau, der Mutter, ging zu Ende, weil "ich hinaus zum Steinewerfen und zum Messerschnitzen" mußte; als er nach Jahren der Reisen dem Elternhaus einen Besuch abstattet und den Vater durch ein Fenster beobachtet, werden die Gedanken an seinen Erzeuger jäh unterbrochen, er muß im Garten sein Wasser abschlagen: "Ich ließ meine Hose herunter, und ich dachte: Wie hat Vater sich verändert."

Man mag den einen oder anderen Satz überspannt finden ("In ihren Augen lag ein Lächeln, von dem ich schon ahnte, daß es mich begleiten würde.") - das Risiko solch subjektiver Leseeindrücke ging der Autor mit seiner gewagten Reise in die "Zwischenwelt" ein -, man kann die Gattungsbezeichnung "Roman" anzweifeln (stellt man strukturell vergleichbare Werke Josef Haslingers oder Martin Walsers daneben, ließe sich beinah von einer Novelle sprechen), man mag Schwierigkeiten mit der Levitation des Ich im Epilog haben, diese Kleinigkeiten vermögen jedoch nicht den Sog des Textes zu schmälern. Vielleicht liegt das Zwingende an diesem Buch auch daran, daß uns dieser Ich-Erzähler sehr nahe ist mit seiner Confessio. Wer hätte es noch nicht erlebt, daß es manchmal eines einschneidenden Erlebnisses bedarf, damit man innehält, aufhört vor gewissen Dingen zu fliehen und Land- und Liebschaften vorbeiströmen läßt?

Wolfgang Straub
29. August 2000

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