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Helmhart: viele fremde schuhe.

Wien: Edition Selene, 1998.
(1st book).
53 S., brosch.; öS 100.-.
ISBN 3-85266-076-9.

Link zur Leseprobe

Bei manchen Büchern muß man sich wie im Märchen erst artig durch einen Brei essen, ehe man ins Paradies gelangen kann.
Trotz seiner relativ überschaubaren Seitenanzahl von dreiundfünfzig ist Helmharts Buch "viele fremde schuhe" mit einer Menge von Erzählschlössern ausgestattet, die es zu knacken gilt. Aber das Abenteuer lohnt sich, denn schließlich geht es um die Frage: Wer ist intelligenter - der Text oder der Leser?

Ein gewisses Handicap bei der Lektüre von "viele fremde schuhe" besteht darin, daß nur der geschriebene und mit Skizzen realisierte Teil einer Total-Performance vorliegt. Gewisse akustische, visuelle und haptische Elemente sowie die dramaturgischen Geruchsanteile muß man sich als Leser während der Lektüre selbst installieren.

Durch das Buch zieht sich einerseits der Textstrang, der sich in vier Kapiteln bis hin zum Befehl "Sing" entwickelt, und auf der anderen (meist linken) Seite fräst sich ein grafischer Strang in den Text. Die grafischen Teile zeigen von einem Muster für eine Scann-Probe ausgehend Nahaufnahmen der Zellstruktur und wachsen sich letztlich zu einem veritablen Po mit Seitenstraps aus.

Der Test entwickelt sich von Abschnitten, die sich "und", "hmmm", "hmmm hmmm" und "Licht aah" nennen, hin zu komplexeren Sätzen, bis gegen Ende ein ganzer Satz herhalten muß, um als Kapitelüberschrift einen Ausschnitt aus einem dramatischen Set zu annoncieren. "Ich wünschte du wolltest ich wäre bei dir."

Der Titel spielt darauf an, daß die einzelnen Textteile oft in fremden Erzählschuhen stecken. Ein Zeitungssausschnitt kann zu einem Mini-Drehbuch mutieren, eine dechiffrierte Aussage hat beim Hin- und Herchiffrieren einen gewissen Anteil der Grundbedeutung verloren, ein historisches Fragment aus dem Vietnam-Krieg löst sich beispielsweise bei der Evakuierung durch die Hubschrauber in den eigenen Rotorblättern der Erzählung auf.

Überall im Text liegen Sinnesorgane herum, die Beobachtungen aufzeichnen. Allein niemand außer dem Leser setzt diese Beobachtungen zu einer Geschichte zusammen.
Die Erzählfragmente posieren ziemlich eindeutig mit ihren Schlüsselwörtern, aber kurz bevor ein eindeutiger Sinn entsteht, drehen sie ab und schwirren davon.
"Hier war etwas in dieser Umgebung feindlich ich aber stutzte. Ganz langsam begriff ich. Unsere Chancen.
Wir wollten Bessere werden wir sollten über. Werden und nie. [...]" (S. 32)

Als Leser nimmt man immer straffer die Erzählzügel in die Hand und reitet auch aus noch so lahmen Textteilen flotte Geschichten zusammen, indem man die Erzählelemente nach Herzenslust sprengt, ersetzt oder verdrängt. So entsteht ein sehr rasanter Text, der nur kurzfristig jeweils als Abdruck erscheint, in der Hauptsache aber mit dem Leser abgehoben dahinflitzt.

Helmharts Erzählmodell ist der Versuch, den Leser als mündigen Co-Autor zu installieren. Warum alles bis ins Detail auserzählen, wenn diese Arbeit der Leser für sich allein durchführen kann? Mit dieser Vorgangsweise werden aus den knapp fünfzig Seiten mit einem Schlag fünfhundert, wenn der Leser die Geduld für den Ausbau der Geschichte aufbringt. Im letzten Kapitel, das "Sing" überschrieben ist, ist von den Schwierigkeiten beim Abspielen von Storys die Rede. Das Kratzen wird als sinnstiftend interpretiert.
"Was wollten wir. Eigentlich fragten die uns."
Nach Helmharts Anleitungen kann der Leser in jedes Paar "fremde schuhe" schlüpfen, und er wird immer etwas wie eine Lösung finden.
"Wir waren nicht unzu. Frieden mit dieser. Lösung." (S. 53f.)

Helmuth Schönauer
23. April 1999

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