logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Wolf Haas: Silentium!

Kriminalroman.
(rororo thriller 43346).
Berlin: Rowohlt, 1999.
brosch.; DM 12,90.
ISBN 3-499-43346-X.

Link zur Leseprobe

Bei einer verdächtig unverdächtigen Runde, unter geistlichen Brüdern, mit harmlosem Imbiß - "Familienpackung Erdnüsse, Familienpackung Kartoffelchips, Familienpackung Soletti, Familienpackung Salzgebäck, Familienpackung Goldfischli, Familienpackung Tuc-Salzkekse" (S. 11) - wird der Brenner eingeweiht in seinen neuen Auftrag. Der "Exbulle" und nunmehrige Privatdetektiv aus Puntigam, der sich mittlerweile in ganz Österreich aufklärerisch bewährt hat, soll Gerüchten nachschnüffeln, die besagen, der aktuelle Bischofskandidat, hervorgegangen aus dem Salzburger Marianum, habe sich in vergangener Zeit an einem seiner Zöglinge "vergangen".

Dieser Vorwurf wäre nun ja schon brisant genug, doch wenige Tage später, als Brenners Ganglien erst so langsam in Fahrt kommen, steckt schon das erste Leichenteil im Tischfußballtisch des Knabeninternats. Brenner ahnt, im Heiligenschein des Marianums tun sich noch ganz andere Hinter- und Abgründe auf, doch in welche Richtung dieser Fall sich schlußendlich noch weiterentwickeln wird, überrascht ihn selbst und auch den Leser.

Wolf Haas ist es gelungen, den Brenner zum fixen Bestandteil der Welt des literarischen Verbrechens und dessen Aufklärung werden zu lassen, weder der spezifisch österreichische Ermittler noch sein spezifisch österreichischer Erzähler sind mehr wegzudenken aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mittlerweile ist manches an ihm fast schon klassisch, und auch die Struktur des Romans, quasifixe Elemente oder selbstironische Anleihen an die Vorgängertitel, geht wieder auf.

Haas geizt nicht mit sprachspielerischen Elementen. Ein gewisser "Dr. Phil. Guth" etwa legt Wert auf seinen ganzen Titel, um sich vom medizinischen Primars-Vater abzugrenzen. "Zufällig" jedoch klingen in diesem "Phil." auch schon die jungfräulichen "Philippininnen" mit, die eine wesentliche Rolle im kriminellen Geflecht um Salzburgs Adel und Klerus zugeteilt bekommen haben. "Dr. Phil. Guth" klingt zudem noch fast so groovy wie "Dr. Feelgood", und eine Melodie, die dem Brenner unbewußt schon die Lösung des Falls durch den dazugehörigen Text suggeriert, spielt eine ähnliche Rolle wie schon im Wiener Fall "Komm süßer Tod". Auch die James Bond parodierende Schlußliebesszene wird spätestens im nächsten Band Kultcharakter haben.

Der vertraute Erzähler ("mehr für das Normale und gegen das Abnormale" S. 111) mit seinen eingängigen Theorien über die Welt ("Da kriegst du so ein Gefühl da hinten im Genick, Mittelalter, mein lieber Schwan, das kann man sich noch richtig vorstellen, die engen Gassen, die kleinen Fenster, die Pflastersteine, also schon eine gewisse geschichtliche dings." S. 87) und über die Menschen bietet einen soliden Kontrast zu den grotesk-makabren Elementen, die sich in diesem Band noch greller als in seinen Vorgängern häufen: Ein Mann wird kurz nach Liebesakt und Zeugung eines Sohnes auf der verwaisten Festspielbühne von einem herabfallenden Selbstmörder erschlagen (dem er dadurch das Leben rettet), "Petting 69" als Eintrag auf einer Karteikarte stellt sich als schlichte Wohnadresse heraus, von der abgetrennten Hand im Tischfußballtisch war schon die Rede. Allerdings nicht davon, daß der kleine Finder sie im Schock herausnimmt und, schüttelnd quasi, unter mehrmaligem "Grüß Gott" direkt in die Sonntagsmesse hineinträgt.

Wer das nächste Mal knabbernd, aber unbefriedigt vor dem Fernseher sitzt, sollte vielleicht besser einmal zur Marke Haas greifen - und seine fünfbändige "Familienpackung vernichten, quasi Amoklauf" (S. 11).

Petra Nachbaur
16. August 1999

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Displaced. Die Figur des (R)Emigranten im Film nach 1945.

Di, 17.10.2017, 19.00 Uhr Montage in Bild und Ton Dass die Heimat Fremde geworden ist, hat...

Doing Gender in Exile. Flüchtlings- und Exilforschung im Dialog

Mi, 18.10.2017, 19.00 Uhr Diskussion Die Eröffnungsveranstaltung der Jahrestagung der...

Ausstellung
Sabine Groschup – AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN* 101 Taschentücher der Tränen und ausgewählte Installationen *F. M. gewidmet

Mit AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN präsentiert das Literaturhaus Wien textspezifische Arbeiten sowie...

Tipp
flugschrift Nr. 19 von KIKKI KOLNIKOFF aka MIROSLAVA SVOLIKOVA

Beim Auffalten der flugschrift Nr. 19 wird man umgehend konfrontiert mit einem ständigen...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Neue Beiträge zu Clemens Berger, Sabine Gruber, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Barbi...