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Barbara Hundegger: und in den schwestern schlafen vergessene dinge.

Gedichte.
Klagenfurt, Salzburg: Wieser, 1998.
81 S., brosch.; öS 198.-.
ISBN 3-85129-246-4.

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Ein Effekt jedes literarischen Wettbewerbs, so auch des letztjährigen Christine Lavant-Lyrikpreises, ist, daß auch nicht prämierte Teilnehmer/innen ins Gespräch kommen, die Chance haben, Verlagen aufzufallen. So hat der Wieser Verlag, forciert durch Robert Schindel, den seltenen Mut bewiesen, einen Lyrikband einer unbekannten Autorin als deren erste Einzelveröffentlichung herauszubringen.

Barbara Hundeggers Gedichtband mit dem zunächst etwas romantisierend wirkenden Titel "und in den schwestern schlafen vergessene dinge" enthält sechs Zyklen, die von Liebe, Trennung, Tod, Schmerz sprechen, was fürs erste nicht weiter hervorhebenswert wäre. Wäre da nicht diese Kombination radikaler Subjektivität mit in anderem Sinn radikalen gesellschaftskritischen Positionen, wäre da nicht die forsche Verbindung kunstvoller poetischer Sprache mit explizit feministischen, lesbischen Inhalten, wie sie im deutschsprachigen Raum, im Gegensatz beispielsweise zu latein- oder afroamerikanischen Literaturen, in dieser Weise bisher unerhört war.

Kaum zu glauben, von wo aus dieses lyrische Ich spricht. Nicht die Metropole und die dortige Szene sind Ort der Dichtung, sondern gerade die starken Gegensätze avancierten Bewußtseins und konservativer Tiroler Gesellschaft werden oft Anlaß zum Gedicht. Alpine sagenumwobene Monumente wie "frau hitt" und Momente modernen Lebens wie die Wohnsiedlung "o-dorf" bilden die Spange, in der ein klassisches "innsbruck lassen" ganz neu aufbricht. Hundegger kombiniert auf gewagte Weise Heinrich Isaak und Ingeborg Bachmann: "innsbruck liegt am amazonas" (S. 25), behauptet eines der Gedichte einleitend. Und auch zu traditionellen metrischen Mitteln zieht es Hundegger gelegentlich, auffallend etwa im letzten der vier Innsbruck-Texte. Die Autorin verwendet hier Endreim und Trochäus, aber nicht die alte Gedichtform. Durch raffinierte Zeilenbrüche vermeidet sie den plumpen Effekt, den die gängigen Stilmittel haben könnten, bewahrt aber zugleich deren suggestive Klangwirkung und setzt den Geknechteten und den Aufbegehrenden der Vergangenheit ein Denkmal im Leierton. "die vorm berg von häusern / sprangen aßen ziffern tranken / brot folgten adlern schatten / schlangen träumten nächtens / ihren tod" (S. 27).

Manche der Liebesgedichte Hundeggers, so zum Beispiel das allererste des Bandes, erinnern an 'Lyrics' von deutsch textenden Rockgruppen wie den "Elements of Crime". Mehr noch arbeitet die Autorin jedoch mit einer reichen Palette von Stil-"Elementen", so beispielsweise mit Homophonen und bedeutungssplittenden Enjambements: "und das meer nur / mehr bis an die füße. vor- / aussagbare wellen" (S. 12). Die in der Lyrik Hundeggers tatsächlich "aussagbaren", in Sprache faßbaren "wellen" des Seins sind allerdings keineswegs "vor-aussagbar". Immer wieder überraschen die dichten Texte mit starken Wortneubildungen, wenn sich etwa die Vokabel "plastisch" durch ein zusätzliches "a" die ganz neue Dimension "palastisch" (S. 39) erschließt.

"premfarbene wüste. angelikansames ohr" (wieder eine dieser prächtigen Wortprägungen, die den weiblichen Vornamen in vielen Facetten schillern macht) enthält vier Gedichte, die in starken Bildern Abschied nehmen - und Erinnerung festschreiben an die jung in Innsbruck verstorbene Künstlerin Angelika Prem. Der vierte Text wendet sich direkt an das "du" und legt sich auf ganz eigene Weise mit dem Tod an. Vier Strophen erheben sich in schwungvollem Anlauf mit einem "da wo du jetzt bist", werfen sich damit gegen die Endgültigkeit des Todes und ent-werfen Visionen von kühner Sinnlichkeit, eher von Glück als von Frieden. Staunen läßt der Ton, in dem in dezidiert uneuropäischen Bildern ein 'Leben nach dem Tod' heraufbeschworen wird, welches nichts mit vergeistigtem 'ewigem Leben' gemein hat, der Ton, welcher einen sehr irdischen oder mehr noch paradiesischen 'Himmel' besingt.

Immer wieder bricht jedoch auch Alltag ein: Strafzettel fürs Falschparken etwa lassen sich poetisch aufladen zur Verurteilung von Stagnation. Beeindruckend sind so auch die kurzen, schlichten Gedichte im "sprachlichen Alltag", die im Ton näher bei Erich Fried angesiedelt sind: "hölle, sagt sie, daß / keiner ihm die / hand nicht mehr / schüttelt obwohl / alle es wissen" (S. 51). Durch das einfache Mittel der doppelten Verneinung wird die Unglaublichkeit, die Ungeheuerlichkeit verdrängerischer Ignoranz betont.

Der umfangreichste Zyklus ist im Rahmen einer Auftragsarbeit des Literaturhauses am Inn, in der nach den "Höllen unserer Zeit" gefragt war, entstanden. In kunstvoll gebauter Spange begegnen sich erste und letzte der 34 "höllen", die auch zum 17. Text einen Bogen spannen. "die herren" sind Stammgäste in Hundeggers "höllen". Damit sind natürlich - kein Wunder bei ihrer klaren Frauenbezogenheit - spöttisch und leicht abwertend Männer gemeint, die gelegentlich als kaum ernstzunehmende Rivalen belächelt werden: "unser plan war: die wüste / durchqueren. wir zähmten / kamele, wir brauten im / flimmern glühenden tee. den herren spannten wir / harems wie nichts aus" (S. 42). Darüber hinaus weist der Begriff der "herren" jedoch immer auf die Mächtigen, Herrschenden im weiteren Sinn hin; Macht- und Unterdrückungsverhältnisse werden zumindest benannt, wo sie nicht gebannt werden können.

Politisch ist allerdings nicht nur der Gehalt der Gedichte Barbara Hundeggers; bewußt politisch ist ihre konsequente Sprache. Hundeggers Texte sind jedoch alles andere als Agitprop-Lyrik, wenn darunter verstanden würde, daß literarische, ästhetische Qualität zugunsten zu vermittelnder Inhalte vernachlässigt würde. Im Gegenteil: Sie veranschaulichen unter anderem gerade, von welch poetischer Stärke eine Sprache sein kann, die sich nicht unterordnet. Aber auch, daß existentielle Krisen vor politischem Bewußtsein nicht Halt machen, wissen diese Gedichte: "hölle, brüllt sie, laß / mich in frieden mit / meta und sub, selbst / göttin statt gott" (S. 45).

"pendel. ausschlag. befund", der letzte Teil des Bandes, besteht aus einem einzigen langen Gedicht, das weit und konjunktivisch ausholend mit langem Atem ein riesiges "als ob" konstruiert, immer wieder ringt um den passenden Vergleich, in einem großen spannungsintensivierenden Crescendo sich aufschaukelt - und seine Auflösung findet im kargen "was nun" (S. 81), dessen verdoppelte Einsilbigkeit gerade durch die vorhergehende und immer weiter vorangetriebene poetische Eloquenz einen markanten, offenen Schlußpunkt setzt.

Petra Nachbaur
4. Juni 1998

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