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Ivan Ivanji: Der Aschenmensch von Buchenwald.

Roman.
Wien: Picus, 1999.
155 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85452-429-3.

Link zur Leseprobe

Ivan Ivanji ist ein Überlebender Buchenwalds. Mit 16 Jahren wurde er aus dem Konzentrationslager befreit. Er hat als einer der wenigen aus einer anonymen Masse überlebt, die dem Vernichtungstod in den nationalsozialistischen KZs preisgegeben war. Der Zufall habe ihm dabei geholfen, schreibt der Autor - Opfertausch nennen es Historiker. Ivanji wurde von einem Mithäftling in der Arbeitsstatistik zum Maurerlehrling ernannt und entkam so der Ermordung. Ein anderer Häftling wurde allerdings für ihn in den Tod nach Auschwitz geschickt, jemand, der ohne Namen bleiben muß. "Der andere, der für mich nach Auschwitz geschickt worden ist, war kein Lamm, sondern auch ein Häftling, ein Mensch, erst recht ein Opfer, ein 'ausgetauschtes' Opfer, stammend aus der anonymen Menge der 'Minderwertigen', der Unangepaßten, Ganoven, Schwulen, Neurotiker, Ostjuden, Zigeuner oder einfach Schwachen." (S. 86)

Ein junger Dachdecker aus Weimar macht 1997 bei Instandsetzungsarbeiten am Krematorium in Buchenwald, in der Gedenkstätte, einen Fund. Urnen mit den Überresten der Asche von 700 KZ-Insassen sind unter dem Dach eingeschlossen. Die Behälter haben keinen Deckel, die Ermordeten können nicht identifiziert werden. Von diesem Fund angeregt, entwickelt der Autor seine Romanhandlung. Die gefundenen Aschenflocken formen sich zum "es", das erst noch gestaltlos ist, dann einen Körper annimmt und sich zum Aschenmenschen wandelt. "Es" hat schon eine Stimme - 700 verschiedene Stimmen, die sich zu einem Chor vereinen und miteinander sprechen, streiten, diskutieren, harmonisieren. Und die sich erinnern. Die Stimmen repräsentieren alle Opfer des Nationalsozialismus, nicht nur jüdische Opfer.

Ivan Ivanji schafft den Aschenmenschen und gibt so den Ermordeten eine Stimme. Er läßt sie als eine heterogene Vielfalt von Stimmen zu Wort kommen, in der die einzelnen Schicksale, von denen sie erzählen, nicht untergehen. "Ich habe keinen Wiederstand geleistet. Ich bin beinahe gern gestorben. Daran kann ich mich erinnern. Sonst an fast nichts. [...] Ich war so ruhig, Leute, so ruhig! In Auschwitz ist Hanna geradeaus gegangen. Nicht einmal verabschiedet haben wir uns. Wir waren dort so schrecklich verwirrt. Nicht erschrocken, nein, verwirrt ist das richtige Wort." (S. 41) Es kommen die verschiedensten Facetten zum Vorschein. Eine andere Stimme spricht vom Haß. "Warum mußte ich die Steine schleppen, warum jeden Morgen den Weg zum Steinbruch gehen, warum überhaupt aufwachen für so einen Tag? Und die Hitze, der Staub, der Schmerz in allen Muskeln. Wut. Haß und Wut, das sind die Worte, die mir einfallen." (S. 43)

Der Autor kehrt aber immer wieder zum jungen Dachdecker zurück, zum Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, zur feierlichen Beisetzung des Aschenfundes, zu der er eingeladen wird, zu den Einwohnern Weimars. Denn eine der Fragen, die der Autor stellt, ist: Wie wirkt die Erinnerung an einem Ort (Buchenwald / Weimar) nach auf die Menschen, die dort jetzt leben? Wie gehen sie mit den historischen Ereignissen um? Er erzählt aus der Sicht von Schulkindern, die Buchenwald besucht haben ("Aufregend! Da war ein Film, da brauchte man richtig eine Kotztüte dazu."). Der Besuch von Gedenkstätten wird zum "Tourismus", fürs Parken muß bezahlt werden, ebenso für den Eintritt. Der Tod wird zur Routine. Ivanji erzählt von rechtsradikalen Übergriffen und der fremdenfeindlichen Stimmung in der Kulturhauptstadt Weimar, vom Taxifahrer, der der Frage nach dem Zusammenleben zwischen West- und Ostdeutschen ausweicht. Im Goethe-Gedenkjahr offenbart sich so eine Kluft: wie die Traditionen einer deutschen Kulturnation feiern und dem nationalsozialistischen Terror gedenken. Dazwischen: der Alltag, geprägt von den Schwierigkeiten und Widersprüchlichkeiten, Menschen eines ehemals geteilten Staates zu vereinen.

Der Aschenmensch wird als Wolke über Weimar schweben und auf das Gewissen der Menschen drücken. Sie werden sich unwohl fühlen und der Erinnerung an die Geschichte nicht entkommen, solange es jene gibt, die gegen das Vergessen anschreiben. Das begreift Ivanji als seine Aufgabe, als die Aufgabe der Überlebenden. Der Autor findet eine überzeugende Form des erzählerischen Berichts, die autobiographische und authentische Ereignisse mit den fiktiven Elementen des Romans vereint. Die Vergangenheit ist nicht tot, schreibt Ivanji, solange sich jemand daran erinnert.

Ivette Löcker
8. Oktober 1999

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