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Gert Jonke: Redner rund um die Uhr.

Eine Sprechsonate.
Salzburg: Jung und Jung
72 S.; geb.; Eur 16.-.
ISBN 3-902144-48-3.

Leseprobe

Autor

Ein ausgewachsener Erwachsener fällt vom Himmel. Die Kindheit wird ihm nachgereicht von einem Bastard, der dem erwachsenen Ich entgegenwächst, bis die beiden einander erreicht haben. So die Kürzestfassung der ostsibirischen Version des Nördlichen Eismärchens. Gert Jonke erzählt es als Prolog in seinem neuen Buch "Redner rund um die Uhr".

Das Gespaltensein und die Sehnsucht nach Wiedererlangung einer persönlichen Einheit umkreist der Redner unablässig in seiner "Sprechsonate". Schon 1990 schrieb Jonke, der sich in seinem Werk ja auf vielfältigste Weise auf die Musik bezieht, eine "Theatersonate" - "Sanftwut oder Der Ohrenmaschinist". Per definitionem handelt es sich bei der "sonata" (it.) um eine meist mehrsätzige, zyklisch angelegte Instrumentalkomposition in kleiner oder solistischer Besetzung.

Klein oder solistisch - das ist hier die Frage. Gerade die "Besetzung" im "Redner" ist auf den ersten Blick undurchsichtig. Einerseits wendet sich der Redner mit Inbrunst an einen "Zuhörer", andererseits fragt man sich im Verlauf der Rede, ob dieser nicht mit jenem ident sei. Dazu kommt noch der Mund des Redners als verselbständigtes Organ. Vom Solo des Redners, dessen Instrument sein "Nervensystem" ist, kann also nicht wirklich die Rede sein. Brüllend und schreiend verbreitet "der Mund" sehr schnell Dissonanzen, er verleumdet und diffamiert, ja er ruiniert sein eigenes Ich. Die Rolle des Zuhörers ist ambivalent. Er schweigt und hört zu und wird schlussendlich doch vom Mund und seinem Redner vereinnahmt.

Zyklisch und das Thema der Identitätsspaltung durch paradoxe Situationen steigernd, führt Jonke uns an die Problematik des Redner-Ich heran. Die fatale Autonomie des Mundes gegenüber dem Ich erzwingt die Suche nach einem Ausweg: das Schreiben. Hier kommt nun der Kerngedanke des Nördlichen Eismärchens zum Einsatz. Der schreibende Redner beschreibt das Ich, wie es vom Himmel fällt "ausgewachsen und erwachsen, ohne je herangewachsen sein zu können." Erinnern setzt ein, "daß ich gleichzeitig als Kind woanders mir unerreichbar aufwachse und spüre, wie ich mir entgegenwachse". Im selben Maß wie Kind und Erwachsener einander entgegenwachsen, verwischen sich die Grenzen zwischen dem Horchen des Zuhörers und dem Sprechen des Redners. Die Verbindung ihrer Positionen gelingt vorläufig nicht. Und auch das Kind und der Erwachsene erreichen einander nicht. Das Leben ist schließlich kein Märchen.

Konsequenz des Scheiterns ist die Beschränkung auf die innere Poesie, die innere Musik, die tragisch verborgen bleibt. Dennoch ist es die Hoffnung und das Scheitern zugleich, die das Ich immer wieder neu anspornen, das innere "Geglitzer" nach Außen zu stülpen. Diese im Jonkeschen Werk wiederkehrende Thematik der Identitätsbestimmung und ihres "Transportes" bedarf im "Der Redner rund um die Uhr" einer ungeheuren Kraftanstrengung, eines leidenschaftlichen und vehementen Sprechaktes, für den der Autor den experimentellen Schreibakt einsetzt. Das, was gesagt werden muss, ist im Gegensatz zum Sprechen, vielleicht im Schreiben möglich.

Umgekehrt gesehen, ist die schmale Sprechsonate zum Sprechen geschrieben, wie Ernst Jandls Sprechgedichte, zu dessen Gedenken Jonke "den Redner" geschrieben hat. Eine virtuose Verquickung der Sinne findet hier statt, denn einer Partitur vergleichbar, wird der Text erst im Hören lebendig. Das beredte Schweigen des Zuhörers und die Zartheit der inneren Nervenharfe des Redners werden von der kreischenden Stimme seines Mundes übertönt. Die "kleine" instrumentale Besetzung der Sonate wird durch ihre Disharmonie auf eine Zerreißprobe gestellt.

Verwirrend überzeugend und überraschend stülpt der Autor uns ein dichtes Gedankenspiel mit Identität und Realität, mit Existenz, Musik und Sprache über die Köpfe. In diesem Sinn wird die Sprechsonate auch - wenn ich das so sagen darf - zu einer "Denksonate". Denn dass das Denken nicht einrostet, darum kümmert sich Gert Jonke, seit er schreibt. Wie sagte er doch 1997 in seiner Dankesrede für den Erich-Fried-Preis: "Wir dürfen uns nicht vorschreiben lassen, unsere Welt und unsere Sprache und uns selbst absichtlich zur Verkümmerung zu bringen, indem wir mit dem Experimentieren und der Arbeit an der Sprache aufhören."

 

Beatrice Simonsen
15. April 2003

Originalbeitrag

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