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Leseprobe: Ivan Ivanji - "Der Aschenmensch von Buchenwald."

Ein Körper füllt Raum aus, nimmt einen Teil des Raumes für sich in Anspruch, verdrängt anderes. Das tut auch ein Stern im All oder ein Insekt im Gras, das hat nichts mit der Beschaffenheit des Körpers zu tun. Aber ein Körper hat auch eine Gestalt, ist erkennbar in seiner Form. Er unterscheidet sich von anderen Körpern. Ist er dann vielleicht nur eine äußere Erscheinung ohne Inhalt? Ob er allein durch seine Existenz etwas über seinen Kern, seine Seele aussagt, ist nicht gewiß. Viele glauben das allerdings. Beweisbar ist es nicht. Viele Eigenschaften hat der Körper mit Gegenständen und anderen Dingen gemeinsam. Anderes jedoch ist fluid, wechselt, kann nicht genau beschrieben werden. Die Wolke aus der Asche von siebenhundertundein im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verstorbenen und im Krematorium daselbst verbrannten Häftlingen besitzt bereits die Eigenschaften eines komplexen Wesens, das Wissen fast der gesamten Menschheit, beginnt aber erst, eine entsprechende, sichtbare Ausdrucksform zu suchen, von etwas Körperhaftem ist sie noch weit entfernt. Aber sie entdeckt, daß sie sich formen kann. Dies tut sie anfangs ungeschickt, wie ein Kind oder ein junges Tier, das seine Bewegungen noch nicht koordinieren kann. Sie spielt, denn die Suche nach einer ausdrucksvollen Gestalt ist Bewegung. Schabernack auch, Flirt mit unendlichen Möglichkeiten. Und nicht nur eine Gestalt muß gefunden und ihre willentliche Veränderbarkeit erlernt werden, auch die Veränderung der eigenen Konsistenz steht in ihrer Macht und will erprobt sein. (S. 116f.)

Die von Zeit zu Zeit aus dem Unterirdischen hervorbrechende Wolke unter dem Glockenturm von Buchenwald formt sich immer öfter zu menschenähnlicher Gestalt. Die ersten Versuche, vor der gemeinsamen Grablegung als Aschenflocken zu schweben, sind nicht vergessen. Im Gegenteil. Die Herkunft betont sich von selbst immer mehr. Aber dieses es wird letztlich zu einer Art von Mensch. Zum Aschenmenschen von Buchenwald. Sein Ziel hat er einstweilen zur Seite geschoben. Es, oder doch lieber er, der Aschenmensch, wie er sich von nun an selbst nennen will, experimentiert noch mit seiner Existenzfindung. Er ist nicht tot. Er war tot, aber er ist nicht tot geblieben, weil die Vergangenheit nicht tot ist, nicht tot sein kann, solange sich jemand daran erinnert. Seine Absichten hat der Aschenmensch noch nicht formuliert. Weder in Worten noch im lautlosen Plan. Das Wesen allerdings, das da entstanden ist, beginnt, sein Unwesen zu treiben. (S. 125f.)

© 1999, Picus, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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