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Leseprobe: Gert Jonke - "Chorphantasie."

Dirigent, ans Publikum gewandt:

(...)
Kein Problem, daß das Orchester noch nicht da ist.
Sie sind ja da, obwohl von draußen eine Überschwemmung droht. So. Und jetzt alle gemeinsam einatmen - ja, ja, den Atem anhalten - und jetzt alle gleichzeitig ausatmen, gleichzeitig habe ich gesagt, nicht derart verstottert hintereinander. Ab jetzt wird gezählt. Mitgezählt. Einatmen und Ausatmen. Eins, zwei, drei, vier. Eins, zwei drei, vier. Und jetzt wieder ausatmen. Auf eins, Achtung jetzt, jawohl: drei, vier und noch immer atmen wir aus, bis wir alle ganz leer sind.
Jetzt sind wir ganz leer. So leer, daß Ihnen die Lungenflügel deutlich fühlbar durch die Brustkästen baumeln wie zwei Wischfetzen, die ein Stiegenhaus gewischt haben und jetzt in der Dunkelheit der Besenkammer davon träumen, Lungenflügel in Ihrem Brustkasten zu sein.
Und jetzt wieder einatmen, zugleich im Takt, im Schritt, Marsch: drei, vier, eins, zwei, drei, vier, eins, zwei. Jetzt wieder einatmen und die Luft kurz anhalten.
Und jetzt beginnen wir damit, auch die Augen atmen zu lassen: Augen atmen eher Licht als Luft, wie Sie ja wissen. Ihre Augen saugen also das Licht in sich hinein. Kopfeinwärts schauend Licht einsaugen und wieder ausstoßen - das Licht wieder ausatmen. Falls Ihnen das lieber ist, verflüssigen Sie meinetwegen das Licht, bevor es von Ihren Augen eingeatmet wird, und geben Sie es Ihren Augenäpfeln zu trinken, um den Durst Ihres Schauens zu stillen. Eins, zwei, drei, vier. Und jetzt werden Sie auch zusätzlich mit den Ohren atmen.
Natürlich werden Ihre Ohren keine Luft einatmen, sondern den Schall, das ist doch ganz klar. Und natürlich im Takt - zwei, drei, vier - atmen alle Ohren gleichzeitig, einhorchen und aushorchen, und alle Ohren beginnen Schall zu saugen, als würde man mit der Lunge Luft abpumpen, stattdessen Schall absaugen mit den Ohren. Alles Hörbare tief einhorchen und wieder aushorchen. Aus der Tiefe des Raumes mit den Ohren das Schweigen aus dem Konzertsaal pumpen, bis der Kopf ganz voll davon ist. Und kopfauswärts wieder hinauspumpen. Und genau im Takt, bitte! Genau herhorchen und herhören bitteschön! Daß alle hier anwesenden Ohren wirklich so horchen und nur das hören, was genau von meinem Taktstock dirigiert wird! Achtung, fertig, jetzt geht's gleich los: Allegro ma non troppo.
(...)

(S. 8f.)

© 2003, Droschl, Wien, Graz.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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