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Christian Klinger: Tote Augen lügen nicht.

Kriminalroman.
Wien: echomedia-Verlag, 2008.
247 S.; brosch.; Eur 9,90.
ISBN: 978-3-901761-89-8.

Link zur Leseprobe

Krimis sind mir wichtig. Hätte ich nicht den öden Beruf eines Literaturwissenschaftlers und müsste ich nicht dauernd Langweiliges lesen, bliebe ich tagsüber im Bett und zöge mir einen Krimi nach dem anderen hinein. Zwei Gründe: Erstens, das Grundnarrativ von Krimis ist die Übertretung, ein Krimi ist erst durch die Gesetzesverletzungen, von denen er erzählt, ein Krimi. Zur Reflexion über unser gesellschaftliches Dasein gehört die Konfrontation mit der Regelübertretung. Wir spüren uns selbst als gesellschaftliches Wesen am stärksten im Angesicht der Übertretung. Keine 'fiction' erfüllt die Funktion besser, Soziales transparent werden zu lassen. Zweitens, Krimis müssen spannend sein; nirgends kann ich als Leser mit mehr Vergnügen die Kunst des Erzählens erleben und lernen; in der deutschsprachigen Literatur ist sie ja zu Tode geredet und geschrieben und ihre Wiederauferstehung und ihr Wiederbegräbnis gefeiert worden: die Kunst, spannend zu erzählen.

Christian Klinger habe ich ja bereits rezensiert, seinen ersten Krimi Die Spur im Morgenrot, der im Novum-Verlag erschienen ist, ich habe ihn verrissen, Christian Klinger ist der erste und einzige Autor, der sich bei mir je für einen Verriss bedankt hat, er habe viel aus meiner Kritik gelernt. Jetzt gibt's ein Comeback, und er ist besser geworden! Wer? Erstens Christian Klinger, der Autor, seine 'Schreibe'; zweitens Alfons Seidenbast, der (Ex-)Kommissar, der sich innerhalb des zweiten Buchs weiter entwickelt – man möchte es fast schon den Bildungs- und Entwicklungsroman eines österreichischen Polizeibeamten nennen. Die Handlung beginnt mit einer Recherche Seidenbasts im Sommer 1998, vor der Geschichte mit dem Raubmörder Eisensteiner, die in "Die Spur im Morgenrot" erzählt wird, an deren Ende sich der Polizist die Beute unter den Nagel reißt und sich ein Millionärsdasein in Panama verschafft. Im Sommer 1998 ermittelt Seidenbast in einer Wiener Wohnbauaffäre mit Todesfolgen, in der zweiten Hälfte des zweiten Buchs, wir schreiben Juli 2006, wird die Korruptions- und Mordgeschichte im Gemeinnützigen Wohnbau mit der Raubmordgeschichte zusammengeführt, Seidenbast macht sich von Panama auf, um die Mörder und die Polizei an den Gestaden des Donaukanals aufeinander zu hetzen, und dabei über sich selbst hinaus zu wachsen.

Klingers Krimi gehört zu den europäischen Ethnokrimis. Es gibt sie wahrscheinlich in jeder europäischen Sprache und in jeder europäischen Nation, nur wissen wir darüber wenig, weil der Großteil (aus dem Katalanischen, Estnischen oder Bulgarischen beispielsweise) nicht übersetzt ist. Kennzeichen der europäischen Ethnokrimis ist, dass sie viel weniger globalistisch, viel weniger soziologisch detailreich, viel weniger flott geschrieben sind als die angelsächsischen Krimis, die in alle Sprachen übersetzbar sind und übersetzt werden; die europäischen Ethnokrimis laborieren an den nationalen Eigentümlichkeiten und Schwerfälligkeiten, die Sprache ist mitunter kaum zu übersetzen, man denke nur an Wolf Haas. Seit es Haas' Brenner nicht mehr gibt, ist wahrscheinlich Klingers Seidenbast der österreichische Wallander. Und so führt er sich auch auf! Erst passiv, entschlussschwach, antriebslos, auch in seinen erotischen Angelegenheiten, autoritätshörig, nach oben lecken, nach unten treten, ein wahrer Vertreter der Figuren des 'habsburgischen Mythos', wie Magris sie einst beschrieben hat. Dann aber erwacht er aus Somnolenz und seinem Solipsismus, er reißt sich zusammen und begeht im Stillen eine große Tat.

Christian Klingers Krimischreibstil hat sich verbessert. Er schreibt munter und manchmal flapsig und manchmal ein wenig umständlich über Dinge, die in Wien passieren und die jeder begreift. Das ist Wiener Literatur für die Strache-Wähler – ich meine das als Kompliment! Alles erscheint dem verbildeten Leser zunächst extrem klischeehaft, die Schurken kommen natürlich vom Balkan, die Bösen sind natürlich schwul, sehr viel Schwarz-weiß, sehr viel Vordergründigkeit liegt in der Satire auf die Ermittlungsarbeit der Polizei im ersten Teil des Krimis. Aber irgendwann dämmert mir: das hat System! Durch die naive Erzählanordnung wird eine größere Lesergemeinschaft hinein gezogen in die Hinterfotzigkeit des Narrativs, wie sie vom Beginn der zweiten Buchhäfte an durchscheint. Die Belustigung über Details polizeilicher Unbeholfenheit weicht einem leichten Grauen im Magen, wenn alles immer skurriler wird und Seidenbast schließlich dem System die Maske herunter reißt, die Ordnung auf den Kopf stellt. Der Anarchist hat sich aus dem österreichischen Kleinbürger befreit, die Gierigen richten sich selbst: das ist fast schon ein Aufruf zur Lynchjustiz.

Die Figur des bisexuellen korrupten rechtspopulistischen Wahlkämpfers Stadtrat Navratil eröffnet eine geräumige Projektionsfläche für unsere Identifizierungslust. Zwar hat Klinger die Handlung seines zweiten Krimis wohl schon an Hand des Wahlkampfs 2006 entworfen, sie passt aber auch 2008, wie soll das weiter gehen? Ob Seidenbast nach dem Harmaggeddon, das er angerichtet hat, aus Wien entkommt, verrate ich nicht. Wenn ja, dann gibt es gewiss einen dritten Seidenbast-Krimi, im nächsten Wahljahr. Eines allerdings möchte ich den von der Teuerungswelle geschu ndenen Mitbürgern und Mitlesern nicht vorenthalten. Was passiert mit der 'Kohle', um die sich letztendlich alles dreht? Schauen Sie in die Leseprobe!

Walter Fanta
9. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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