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N. C. Kaser: N. C. Kaser elementar.

Ein Leben in Texten und Briefen.
Ausgewählt von Raoul Schrott.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2007.
176 S.; brosch.; EUR 16,90.
ISBN: 978-3-85218-532-3.

Link zur Leseprobe

Norbert Conrad Kaser, Dichter und Lehrer, Trinker und Provokateur, Einzelgänger und Liebender, ein "Querkopf unter Holzköpfen." In der Anthologie "Elementar" sammelt Raoul Schrott Briefe, Interviews, Gedichte und Prosatexte des Südtiroler Autors, Fragmente eines kurzen Lebens, die sich zu einem offenen, brüchigen Porträt des Künstlers als junger Mann zusammenfügen. Das Bruchstückhafte der Sammlung entlarvt den Anspruch der traditionellen Biographie, ein ganzes Leben erzählen zu können, als Anmaßung und stellt den Konstruktcharakter eines jeden, insbesondere eines literarischen Lebensentwurfs in den Vordergrund. "Das einzige, woran sie", die Anthologie, "sich hält, ist die Strenge der Chronologie: nur die Zeit ist ein objektiver Biograph."

Bereits die ersten literarischen Zeugnisse des zwanzigjährigen Hilfslehrers Kaser geben den melancholischen Grundton der Sammlung vor, sprechen von seinen Ängsten, von seiner inneren Zerrissenheit, die ihn als Mensch und als Künstler sein Leben lang begleiten werden: "Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein." Ohne Schulabschluss, ohne Geld, ohne familiären Rückhalt, hungrig, frierend, hoffnungslos, doch nie ohne feine Ironie seiner Umwelt und sich selbst gegenüber kämpft Kaser um seine Existenz als Dichter: "meine lichtblicke sind gezaehlt und wenn dann sehen sie so trist aus dass nur schlafpillen stricke rasierklingen und schnaps dagegen helfen. wie froh waere ich wenn alles so witzig waere wie es klingt. es ist ernst. ich gebe keine verspechen mehr ab weil ich sie nicht halten werde ich lege die haende in den schoß und um die hoden.. ich hasse jede art von aktion."

Bei Kaser verschränkt sich die Rede über sich selbst stets mit der Rede über sein literarisches Schaffen, der Mensch Kaser ist in seinen schriftlichen Zeugnissen stets auch der Dichter N.C. Kaser. Ob implizit oder explizit, stets reflektiert Kaser sein Schreiben als Spiegel seines Lebens und vice versa, sein Kunstbegriff ist existentiell, der Einsatz ist nichts Geringeres als die eigene Person. Und die Gefahr ist groß: "ich habe mich totgeschrieben (...) ich glaube mir selbst nicht mehr. ich verdruecke mich ins lager der taubstummen. ich habe nichts mehr mitzuteilen."

Schonungslos offen, doch gleichzeitig nachsichtig, beinah barmherzig, spricht Kaser in seinen Briefen von seinen Selbstzweifeln, von seiner Einsamkeit, von seiner Alkoholsucht und dem zunehmenden körperlichen Verfall. Er will kein Sonderling sein, doch, so muss er schon früh erkennen, "ich bin es." Trotzdem ergreift er nicht die Flucht, sondern wählt die Konfrontation: bis auf kurze Studien- und Arbeitsaufenthalte in Wien und Norwegen bleibt Südtirol seine (Wahl)heimat, die Enge des Landes, Hinterland und Bauernland, ist gleichzeitig Begrenzung und Fluchtpunkt seiner Dichtung. "In der Sprache Norbert C. Kasers", so ein Kritiker der FAZ, "weitet sich das regional Beschränkte zur Provinz des Menschen."

Kaser selbst will seine Dichtung stets in Bezug auf die einheimische Literaturtradition verstanden wissen – "ein gemisch aus realismus konservativismus trakl'scher nachfolge derbe & kitschige reimerey ehrlichkeit und verschlagenes kurzum tyrol". So sind seine Gedichte trotz prominenter avantgardistischer Einflüsse keineswegs bloß leere Worthülsen oder manieristische Sprachspiele – "ich lehne jedwedes Experiment mit der Sprache ab (...) Also keine Akrobatie mit der Sprache, das duldet die Sprache sowieso nicht, kein großes Wörteraneinanderbauen, Übereinanderstellen, Durcheinanderwerfen – nix – ganz einfach eine relativ realistische Schreibweise." Und Kasers Realität, seine Lebenswelt, das sind die Landschaft Südtirols, das bäuerliche, dörfliche Leben, die katholische Religion, der Schulunterricht, die Dorfkneipe – sie bilden den thematischen Grundstock seines Schreibens.

Dabei ist seine Sprache keineswegs volkstümelnd, reaktionär, sondern höchst lebendig, er schreibt eine reiche, bildhafte Poesie, mal herb und spröde, mal zart, behutsam, insbesondere dann, wenn er sich an seine Geliebte richtet: "die tage steigen / in langes licht / bald / ist mir nimmer kalt / & ich bei Dir." Doch über allem, selbst über seinen Liebesbriefen, schwebt stets ein Ton von tiefer Traurigkeit und Melancholie, als Zeichen der Unruhe eines ewig Suchenden: nach Worten, nach Liebe, nach dem Leben. Leben und Schreiben sind bei Kaser dauerhaft im Sinne eines Dritten verflochten, ich will es Lebenssuche nennen. Seine Gedichte sind dabei "wie kilometersteine auf diesem weg (...). ein lied ein klingen dann faellt licht in mich & die vielen netze in mir bilden klare muster schoene zeichnungen von allem."

 

Martina Wunderer
13. Jänner 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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