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Margit Kuchler-D'Aiello: Portrait eines Balkonsitzers.

Graz: Leykam Verlag, 2008.
144 S.; geb.; Eur 18,90.
ISBN 978-3-7011-7632-8.

Link zur Leseprobe

Zunächst wirkt das Leben des Herrn T. höchst unspektakulär. Er sitzt auf seinem Balkon in einem aufgeräumten Viertel am Stadtrand. Er frühstückt, er liest Zeitung, er sitzt da. Einfach so. Alternd und unscheinbar. Und doch verbirgt sich hinter dieser langweiligen Kulisse eine Szenerie, die zwar durchschnittlich, doch wahrlich buchreif ist.

Vor drei Jahren in Pension gegangen, hat Herr T. eigentlich nichts mehr zu tun. Die drei Kinder führen ihr eigenes Leben, die Frau ist zu seiner Pensionierung in die Gastwirtschaft ihres Bruders zurückgekehrt und kommt nur noch alle paar Wochen auf Besuch um die Blumen zu gießen. Doch der Gang zum Supermarkt und zurück reicht Herrn T. nicht, genauso wenig wie seinem Freund Fritz, der permanent die Welt bereist und somit für ihn nicht mehr zugänglich ist. Auf den Tod warten können die Alten, die anderen. Und dann kommt das, was für einen wie Herrn T. kommen muss, damit es weitergehen kann mit ihm und seiner Jugend: Miriam Tödtling, Fotografin, eine junge, strahlende Schönheit, wenn auch etwas zu dünn, wie er meint, und etwas zu abartig künstlerisch veranlagt. Über Frau Tödtlings Gedankenwelt erfahren wir nichts, was dramaturgisch sehr gelungen ist, ist sie doch nichts weiter als eine Projektionsfläche von Herrn T's Hoffnungen und Begierden, vergleichbar mit Wedekinds Lulu.

Die Kunst allerdings, welche Frau Tödtling produziert, spricht für sich, selbst wenn sie Herr T. nicht deuten kann: Es handelt sich um Fotografien von gemarterten, misshandelten Puppen. Diese verunsichern ihn, lassen ihn aber nicht begreifen, weshalb seine Angebetete derartige Bilder macht. Dies wird jedoch klar, wenn man die Figuren dieser Erzählung näher betrachtet: Die Ehefrau, die nie in diese biedere Vorstadtidylle ziehen wollte und jahrzehntelang die Familie in Schuss hielt, während er, wie sie immer wusste, seine Sekretärinnen an die Wand drehte und penetrierte. Ihr einziger Liebling ist der vor Jahren verstorbene Nachzügler Patrick, den sie, in verwirrtem Zustand, mit einem Kinderball auf sich zulaufen sieht. Verena, die belesene Lieblingstochter des Herrn T., die, vereinsamt und arbeitslos, in Wien zur Alkoholkranken tendiert und zwei Abtreibungen hinter sich hat. Jutta, die dick gewordene Robuste, deren Adoptivkind aus Somalia die Ehe auch nicht mehr retten kann. Und dann ist da noch der lebende Sohn des Hauses, Jürgen, der skrupellose Karrierist, den sein Hodenkrebs umso mehr an die patriarchale Struktur klammert. Alle sind sie auf irgendeine Weise Geschundene, im Stillen vernarbt und vergessen. Die Puppen zeigen ihre Male offen. Sie sind keinen Funken lebendig um ihren Schmerz zu übergehen. Die Beschreibungen dieser Fotos, welche Herr T. in einer Ausstellung inspiziert, um Miriam T. darauf ansprechen zu können, erinnern an die Fotos von Hans Bellmer, der 1957 seine Lebensgefährtin Unica Zürn verschnürte und ablichtete.

Irgendwie kümmert sich Herr T. um alle und macht sich Sorgen, selbst wenn er nicht darüber sprechen kann. Seine Familie kreist immer wieder in seinem Kopf, die schönen Kindertage, die Wanderungen, die Gemeinsamkeiten. Er begreift nicht, wie das alles zunichte gemacht werden konnte. Da ihm die Sprache fehlt, setzt er Taten: Er passt auf seine Enkelin auf, kocht für seinen Sohn, besucht die Tochter um zu erfahren, wie es ihr wirklich geht. Und das alles, obwohl er ständig von seiner Zukunft, von Miriam, heimgesucht wird. Die 35-jährige wird sich allerdings nicht als die entpuppen, die er in ihr sehen will.

Das Puppenmotiv kehrt später wieder – und mit ihm der gehetzte, sich lächerlich machende Alte, der nur in der Sexualität mit einer viel jüngeren Frau seine Identität erhalten zu können glaubt. Als er herausfindet, dass er Miriam T. urlaubsbedingt von seinem Balkon aus nicht mehr beobachten kann, reist er nach Rom. Auch dort hechelt er stundenlang einer Dame hinterher, die Augen auf ihre Beine gebannt. Als sie bei einem Brunnen stehen bleibt, würde er am liebsten direkt auf sie zugehen, "so direkt wie auf die Frauen in seinem Büro damals, wenn er sie jetzt umgedreht und sich in sie hineingetrieben hätte, um ihr ein für alle Mal einzubläuen, dass man mit ihm keine Scherze trieb, ihn nicht zum Narren machte, sondern sich ihm zu ergeben hatte, wie es der Ordnung entsprach, dann, dann wäre alles klar gewesen." Aber er bleibt stehen und folgt ihr, als sie weitergeht. In einem Geschäft voller nackter Schaufensterpuppen verliert er ihre Spur.

Endlich wieder einmal eine detailgenaue, tiefgreifende und sensible Prosa!, möchte man aufschreien. Kuchler D'Aiello gelingt es mittels einer kühlen, feingliedrigen Sprache, die an Inka Parei erinnert, aber auch Bernhardsche Elemente durchschimmern lässt, die glitschigen Schichten einer alternden Männerseele freizulegen, bis nichts mehr übrig bleibt als eine lächerliche, kleine Sehnsucht nach mütterlicher Wärme:

"Einfach umfallen, den Mund aufmachen, lallen und aus. Oder kommt doch noch ein Muttertier vorbei mit einem Schnuller in der Hand, einem Wiegenlied auf den Lippen, einer Berührung im Ärmel, um einen wie mich schlafen zu legen und träumen zu lassen? Von Wiedergeburten, Reinwaschung und aufspringenden Knospen? Von zarten Märzenbechern, in denen alles seinen Anfang nimmt und nichts ein Ende hat?"

Ein gewaltiger, verbrecherischer Abgesang eines Vaters, wenn man weiß, dass seine Lieblingstochter mit 13 Jahren von ihrem Onkel missbraucht wurde. Was macht uns Herrn T. dennoch immer wieder sympathisch wie den alten, unscheinbaren Nachbarn, den man täglich grüßt? Das ist wohl das Geheimnis der Autorin.

 

Claudia Peer
21. Jänner 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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