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Leseprobe: Michael Köhlmeier - "Abendland."

Hör zu: "Dies ist das Eigentümliche der wahrhaft großen Werke, dass sie auch dann, wenn sie die Nichtigkeit aller Dinge vor Augen führen, wenn sie die unüberwindliche Glücklosigkeit des Daseins erkennen und spüren lassen, wenn sie die grässlichste Verzweiflung ausdrücken, dennoch einer hohen Seele, mag sie sich auch in einem Zustand äußerster Niedergeschlagenheit und Enttäuschung, Mutlosigkeit und Verneinung befinden, stets zum Troste gereichen, zu neuer Begeisterung wecken und wenigstens für den Augenblick das verlorene Leben wiederschenken." Eine Weile schwieg er, das Buch zwischen seinen blassen, knittrigen Fäusten. Endlich sagte er: "Ich habe nie an etwas anderes geglaubt als an das, was Menschen bewerkstelligen. Daran aber schon. Und nun sollst du dein Diktiergerät einschalten." (S. 67-68)

Zudem ist es mehr als waghalsig, mit Falstaff oder irgendeinem anderen aus derselben Werkstatt in Vergleich treten zu wollen; Shakespeares Tinte überfärbt jedes wirkliche Blut. (S. 354-355)

"Mathematik", dozierte er, "ist zugleich Wissenschaft und Kunst. Die Kunst der Tautologie. Der Beweis, dem alle Sehnsucht gilt, ist eine Gleichung. Eine Gleichung aber ist immer tautologisch. Sie besagt: Es ist, was es ist. Und mehr nicht. (...) Mathematik ist eleganter Nihilismus. Aufgrund ihrer Apriorität genießt sie Unanfechtbarkeit. (...) Die Mathematik war mein Hobby, nicht mehr und nicht weniger. Sie zu einem Hobby zu degradieren, das ist die einzige Rettung vor ihr. Du bringst es zwar nicht sehr weit, im besten Fall zum Universitätsprofessor wie ich, aber sie gewinnt keine Macht über dich und dein Leben und das Leben als solches." Genau das geschähe nämlich, wenn die Mathematik zur Metapher würde. Zur Metapher für die Welt. (S. 648-649)

Carl lag hoch in den Kissen. Er trug ein weißes Nachthemd. Seine Hände lagen auf der Zudecke. "Machen wir es kurz", sagte er. Ich kniete mich neben sein Bett und legte meinen Kopf an seine Brust. Er streichelte mir übers Haar. Wir küssten uns, und ich verließ ihn. (S. 773)

© 2007 Hanser Verlag, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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