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Werner Kofler: In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor.

Lesebuch.
Klagenfurt: Drava, 2007.
335 S.; geb.; Eur 24,90.
ISBN 978-3-85435-505-2.

Link zur Leseprobe

Werner Kofler, der in diesen Tagen 60 wird, hat die Rolle eines radikalen Außenseiters bis heute durchgehalten - ohne Rücksicht auf Verluste und schonungslos auch gegen sich selbst, womit er sich von vielen eitlen Selbstdarstellern im Literaturbetrieb unterscheidet. Bei Kofler geht es stets um etwas, ihm ist es bei allem Sarkasmus immer bitter ernst. Wenn er seine Finger dann etwa in Wunden legt und die braune Vergangenheit Österreichs, insbesondere Kärntens, und den zeitgenössischen Umgang mit ihr brandmarkt, dann macht er das rücksichtslos, rabiat und ist dabei nicht auf Konsens bedacht. Über Gerhard Roth und Erich Hackl und deren "kuscheligen Antifaschismus" spottet er. Niemand wird denn auch auf die Idee kommen, Werner Kofler als Sonntagsredner an einem Gedenktag zu engagieren. Da einige seiner Bücher inzwischen vergriffen sind, manches auch verstreut und nicht so leicht zugänglich, ergibt ein Kofler-Lesebuch, wie der Klagenfurter Germanist Klaus Amann es jetzt herausgegeben hat, einigen Sinn - für die, die den Autor erst entdecken ebenso wie für seine Kenner.

Natürlich kann bei jeder Anthologie dieser Art die Frage nach der Legitimität der Auswahl gestellt werden. Sollen möglichst alle Aspekte und Perioden eines Werks repräsentiert sein oder soll eine Art "Best of" vorgelegt werden? Herausgeber Klaus Amann hält sich in seinem Nachwort bedeckt und nennt seine Kriterien nicht.
Allerdings fällt bei diesem Band, an dessen Zusammenstellung Werner Kofler selbst beteiligt war, sogleich auf, daß die jüngere und jüngste Produktion von den neunziger Jahren bis heute einen überproportional großen Raum einnimmt. Daß das Frühwerk mit allzu knappen Ausschnitten aus "Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln", 1975 bei Klaus Wagenbach erschienen, nur knapp angerissen wird, während die furiosen "örtlichen verhältnisse", die zwei Jahre zuvor im legendären, nicht genug zu rühmenden Rainer Verlag West-Berlin herausgekommen waren, ganz fehlen, wird durch einen "Standard"-Beitrag, in dem Werner Kofler seine und Gert Jonkes Anfänge zwischen allerhand "falschen Freunden" und "falschen Feinden" zu Beginn der sechziger Jahre beschreibt, denn doch nicht aufgewogen. Und auch nicht ganz durch "Herbst, Freiheit. Ein Nachtstück", den Komplett-Wiederabdruck eines vergriffenen Rowohlt-Bandes, sozusagen der Leckerbissen dieses Lesebuchs.
Wenn "Im Museum", eine Geisterbahnfahrt durch die deutsche Geschichte aus dem "Triptychon", neben dem Theaterstück "Tanzcafé Treblinka" abgedruckt wird, das wesentliche Passagen daraus wortgetreu recycelt, muß das schließlich Platzverschwendung genannt werden.

Nicht zuletzt durch das beinahe 100 Seiten einnehmende "Nachtstück" wird also vor allem jener Werner Kofler vorgestellt, den man als Meister der kunstvollen Suada bezeichnen kann, aber auch der genüßlich zelebrierten üblen Nachrede, den Klaus Amann einen Satiriker nennt und den viele in einer wortgewaltigen Bernhard-Nachfolge verorten. Aber Kofler ist radikaler als Bernhard, er ist illusionsloser. Bei ihm gibt es den Fluchtpunkt selbstgerechter Misanthropie, den noch im aussichtslosesten Scheitern halluzinierten und kultivierten Geistesmenschen-Adel nicht. "Gibt es einen Weg?" fragt sich das monologisierende Ich in dem erwähnten "Nachtstück". "Wohin mit den verbrauchten Informationen, Sprachhülsen, Wegwerfgesprächen, wie aus der Welt schaffen den Sprachabfall, die Abfallsprache?" Fragt sich das und (ver)zweifelt an der Wirkmacht seiner Rhetorik, ja überhaupt von Literatur.

Daß er auch andere Töne beherrscht als die hochfahrenden seiner Tiraden, beweist Kofler in dem Hörspiel "Auf der Strecke" von 2002, in dem er sich einer fast Beckett'schen Reduktion bedient. Und zu Bernhard notiert er vorsichtig, fragend: "Bernhard - ein später Triumph der Anti-Moderne?" Die Frage findet sich auf einem "Notizblock", aus dem immer wieder Eintragungen zwischen die Texte des Lesebuchs gestreut sind und in dem sich der Autor häufig ziemlich ungeschützt ausspricht: oft anmaßend, aufgeblasen, dann wie zur Versöhnung wieder rücksichtslos gegen sich selbst: "Bleibe im Lande und zerstöre dich redlich".

Schon in einer Vorbemerkung zu "Guggile" hieß es, daß alle "personen, orte und begebenheiten wahrheitsgemäß 'erstunken und erlogen'" seien. Werner Kofler betreibt ein riskantes Spiel, in dem er reale Akteure, die in seine Fiktionen Eingang finden, beim Namen nennt. Das kann Jörg Haider genauso treffen wie einen mißliebigen Schriftstellerkollegen. Denn dem allgemeinen verlogenen Kollegen-Schulterklopfen, das nur die andere Seite der üblen Nachrede in Abwesenheit desjenigen darstellt, verweigert er sich, sagt lieber gleich seine Meinung. Das kann aber ein gerichtliches Nachspiel haben. Klaus Amann zitiert im Nachwort jedenfalls genüßlich aus einer Urteilsbegründung, in der Kofler attestiert wird, daß sein Buch ("Der Hirt auf dem Felsen") an eine Leserschaft gerichtet sei, "die gewillt ist, die abrupten Sprünge von der Realität in die Irrealität vorzunehmen, wobei auch bei der Realität keineswegs genau erkennbar ist, wo diese anfängt und aufhört."

Dieses Lesebuch hat einiges zu bieten, gänzlich verzichtbar ist allerdings die beigefügte CD mit dem Mitschnitt einer Villacher Lesung Koflers. Nicht besonders gut aufgenommen und in unruhigem Ambiente ist hier ein Autor zu hören, der kaum an sich halten kann vor lauter Amusement über den eigenen Text. Eine wirklich sinnvolle Ergänzung zu diesem Lesebuch wäre es gewesen, hätte man auf der CD stattdessen eine radiophone Arbeit des Autors zugänglich gemacht.

 

Florian Neuner
24. Juli 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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