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Julia Kröhn: Engelsblut.

Roman.
München: btb Verlag, 2005.
351 S.; brosch.; Eur 8,-.
ISBN: 3-442-73339-1.

Link zur Leseprobe

Das wäre ein Buch für die begeisterten Leser und Leserinnen von historischen Romanen. Man muss den Geruch des Okkulten mögen, oder vielleicht sogar einen Schuss Fantasy. Es ist, als hätten die Ideenwelt und der Stil von Robert Schneider (Schlafes Bruder, Kristus) eine direkte Ablegerin gefunden. Das Geheimnisvolle um den genialen Künstler und um die übernatürliche Kraft, die kompromisslos gelebtes Künstlertum freizusetzen vermag, ist hier das Thema. Alter Wein in neuen Schläuchen, neu aufgelegte romantische Klischees und schauerromantische Einfälle und Fantasien - billige Schleudermystik hätte schon Robert Musil von diesem Roman festgestellt, nichts daran hätte ihn vor siebzig Jahren überrascht oder wäre ihm damals neu vorgekommen.

Engelsblut erzählt das Leben eines fiktiven Malers namens Samuel Alt. Er wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts als unterschobenes Kind eines Adeligen in Oberösterreich geboren und muss ohne die Liebe und den Zuspruch seiner Umgebung als verhasster Außenseiter aufwachsen, obwohl sein zeichnerisches Genie schon von allem Anfang an erkennbar ist. Die Erzählung umreißt das Schicksal des Samuel Alt aus zwei Perspektiven, miteinander verschränkt sind ein lebenschronologischer Bericht in auktorialer Form und die nachträgliche Recherche des Kunstkritikers Moritz Schlossberg aus Wien. Samuel Alt wird früh aus seiner Heimat vertrieben, er schließt sich einer Künstlerkolonie in der Nähe von Frankfurt an, zuletzt leitet er seine eigene in einem Schloss bei Salzburg. Das Dilemma dieses menschenscheuen hochneurotischen Künstlers besteht darin: er besitzt eine geniale Begabung, das fratzenhaft Menschliche darzustellen, die in allen Menschen verborgenen niedrigen Beweggründe in schonungslosem Realismus zum Ausdruck zu bringen; doch er verweigert sich diesem Talent zur meisterhaften Darstellung des Unschönen, er will Engel malen, eine vom irdisch Bösen befreite Variante des Seins. Zur Verwirklichung benötigt er Blut, menschliches Blut, das er zu einer eigenen Farbe mischt, und das seinen Bildern überirdische Patina geben soll. Das Geheimnis, welches die Erzählung aufzulösen bestrebt ist und auf das sie hinsteuert, ist mit dem letzten Bild Samuel Alts verbunden, das mit dem Blut eines zu diesem Zweck geopferten neugeborenen Kindes gemalt ist. Ob die Erzählkunst der Julia Kröhn das schauerromantische Schreckensszenario des rituellen Kindsmords mit literarischem Anstand bewältigen kann, wird immer mehr zur Frage, die den kritischen Leser vorantreibt, obwohl er längst schon Schlimmes ahnt.

Tatsächlich ist Julia Kröhns Erzählfertigkeit dem perversen Stoff nicht gewachsen und der Stoff selbst unterschreitet die Ansprüche einer Lektüre, die sich mit der Evokation des Grausigen nicht zufrieden gibt. Es muss eingeräumt werden, dass die Figur des Samuel Alt und sein geheimnisvolles Bild beim Lesen einen Sog erzeugen, eine Neugierde auf Skandal, auf Grenzüberschreitung. Doch was sie der Malkunst Samuel Alts andichtet, hält die Sprache der Erzählung nicht. Es ist ganz offensichtlich, dass dieser Roman über die Bildende Kunst, über die Arbeit des Künstlers, das Malen, und über das Ergebnis, das Gemälde, nicht wirklich gut zu erzählen weiß. Wie die erfundenen Gemälde des erfundenen Malers Samuel Alt nun aussehen, was sie sind, kunstgeschichtlich, das wird nicht plastisch. Ebenso wenig gelingt es, die Figuren und ihre Schicksale in der Zeit zu verankern, Julia Kröhns neunzehntes Jahrhundert bleibt ohne historische Kontur. Es ist eine merkwürdig gepresste, manierierte Sprache, sich ans Altmeisterliche anbiedernd, ein Neunzehntes-Jahrhundert-Kunstidiom à la Robert Schneider (s. Leseprobe: der Anfang des Romans). Statt in der besten Tradition des historischen Romans eine vergangene Zeit zur Sicht zu bringen, verschwendet dieser Roman seine ganze erzählerische Energie an die verquere Sexualität seiner Figuren. Samuel Alt hat drei ständige Begleiter. Neben dem skrupellosen Kunsthändler Simon Grothusen sind dies der homosexuelle adelige Förderer und Freund Andreas von Hagenstein und das Landmädchen Lena mit ihrer in einem fort nässenden Scham; die drei verfolgen und bedrängen den autistischen Künstler und einander vergeblich mit ihrer Liebe. Die sadomasochistischen Unterwerfungsszenen und der Entsagungsgestus des Malers provozieren unfreiwillig eine Lektüre, bei der man ständig auf psychoanalytische Muster gestoßen wird. Das klingt, als hätte Großvater Freud seine Freude an diesem Roman haben müssen, mehr noch als an Jensens Gravida, dem klassischen Muster für die psychoanalytische Literaturinterpretation, aber vielleicht ist das alles hier schon zu offensichtlich, und auch der psychologisch und analytisch interessierte Leser wendet sich vor so viel Gewalt-Antun mit Grausen ab.

Walter Fanta
18. Jänner 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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