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Franz Kabelka: Letzte Herberge.

Kriminalroman.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2006.
240 S.; geb.; Eur 18,90.
ISBN-10: 3-85218-513-0.
ISBN-13: 978-3-85218-513-2.

Link zur Leseprobe

Weihnachten im Ländle. Auf der Heidenburg wird ein Toter gefunden. Kopf und Hals des etwa Sechzigjährigen sind mit einem Klebeband umwickelt. Die erste "interessante Leich" für Kommissar Tone Hagen seit drei Jahren. Beim Toten handelt es sich - das ist schnell herausgefunden - um den Obdachlosen Paul Pröll, der in den 1960er Jahren erfolgreicher Skifahrer, dann aber tiefer und tiefer gefallen war - Scheidung, Obdachlosigkeit, Gefängnisstrafen, Trinkerheilanstalten. Momentan untergebracht in der "Herberge", einem Wohnheim für Obdachlose. Dort war er beliebt und geachtet, am meisten betrauert wird er von seinem unzertrennlichen Kumpan Kurtl und der ebenfalls in der Herberge lebenden, in ihn verliebten Gundi. In der Herberge verkehren auch Schüler des Bludenzer Gymnasiums, die sich unter der Anleitung ihres Lehrers Märker im Rahmen eines Sozialprojektes um die Obdachlosen kümmern. Vier von ihnen, Else und Snezana, Clemens und Adrian, haben sich besonders um Paul Pröll gekümmert. Ist es ein Zufall, dass der aus noblem Elternhaus stammende Clemens seit einigen Wochen abgängig ist?

Kommissar Tone Hagen entspricht nicht dem Klischee, das man gemeinhin von den Alemannen hat, nämlich, dass ihnen das "Schaffen" oberste Priorität ist. Die Aufklärung des Verbrechens geht Hagen gemächlich an, er ist mehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Fünfzig Jahre ist er alt, depressiv, auf dem Weg zu einer "ausgewachsenen Midlifecrisis". Single, unfreiwillige sexuelle Abstinenz und eine senile Mutter im Altersheim. Kein Wunder, dass es ihm vor der Zukunft "graust". Um sich etwas Gutes für Geist und Körper zu tun, quartiert er sich zum Jahreswechsel für einige Tage in einem Wellnesshotel im Bregenzerwald ein. Tote laufen nicht davon. Dort trifft er aber zufällig den Lehrer Märker, der ihm in der Sauna allerhand über den Toten und seine engagierten Schüler erzählt und mit dem er schließlich betrunken im Bett landet. Gäbe es den Kollegen Gfader nicht, den wackeren Montafoner, wäre der Fall wohl noch nicht geklärt, weil Kommissar Hagen von jugendlichem Übermut getrieben mit dem Mountainbike verunglückt und das neue Jahr im Krankenhaus verbringen muss.

Nicht erst seit Wolf Haas hat die Umgangssprache in den Kriminalroman gefunden. Der Major "gescheitelt", den Toten "putzt es", in der Landschaft steht ein "g'scheckertes Chaletl Marke Geschmacksverirrung", es ist ein "Gfrett", dass die "Großkopferten" keinen Geschmack mehr haben. Deutschlehrer könnten "mundstad", werden, wenn Relativsätze mit "der wo" eingeleitet werden oder Akkusativ und Dativ nicht richtig gebraucht werden ("ORF-Chefanalytiker" Herbert Prohaska beweist im Fernsehen immer wieder aufs Neue seinen ureigenen, auf alle Grammatikregeln pfeifenden Kasusgebrauch). "Weil so ein Zugführer hat kein angenehmes Leben nicht. Muss sich eh schon den ganzen lieben Tag lang die Nörgeleien von die zahlenden Fahrgäst anhören.", heißt es etwa. Deftige Hausmannskost wird mit Schmähs geliefert wie folgendem, der besagt, dass die Montafoner den Triathlon erfunden haben: "Zu Fuß ins Schwimmbad und mit dem Fahrrad retour." Wohl bekomm's, aber: Obacht! - der Grat zwischen Sonnen- und Schattseite, zwischen lustig und penetrant halblustig ist schmal.

Mit viel Liebe zum Detail, mit anteilnehmender Sympathie und Kenntnis schildert Kabelka das Obdachlosenmilieu, auch den Eigenheiten seiner Vorarlberger widmet er nette Zeilen. Die Perspektivenwechsel sind originell, die Bezüge zu Ödon von Horvaths "Jugend ohne Gott" locker geknüpft, warum aber - außer der zeitlichen Koinzidenz - immer wieder auf die Tsunamikatastrophe verwiesen wird, bleibt schleierhaft. So weit, so gut, aber: Das, was einen sehr guten Krimi auszeichnet, nämlich die Kunst des wohldosierten Einsatzes der Spannungselemente, ist leider misslungen, die Spannungskurve bleibt in der Horizontalen liegen. "Letzte Herberge" ist zweifellos gefällig erzählt, aber von wohligem Schauder wird man während der Lektüre nicht ergriffen. Vielleicht hätte Franz Kabelka seinen Krimi besser nicht in der stillsten und friedlichsten Zeit des Jahres, nämlich zwischen Weihnachten und Neujahr, spielen lassen sollen. Warum hat er seinen Kommissar nicht wenigstens einmal zur Waffe greifen lassen, einmal ein aufregendes Bedrohungsszenario entworfen, zumindest eine abgrundtief böse und unsympathische Figur in die Handlung geworfen? Geht es im Ländle wirklich so beschaulich zu?

 

Peter Landerl
20. November 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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