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Leseprobe: Franz Kabelka - "Letzte Herberge"

"Eine interessante Leich, zweifelsohne!"
Ein typischer Gfaderkommentar. So etwas wie der ultimative Superlativ aus dem Munde des Montafoners. Üblicherweise spricht er von einer toten Leich, oder von toter als tot. Das verheißt eine vom Standard immerhin abweichende Ermittlungstätigkeit. Aber eine wirklich interessante Leich, eine für einen Kriminaler echte Herausforderung, die fällt nicht oft an in der Abteilung.
Genau genommen liegt die letzte schon drei Jahre zurück. Hagens Einstandsgeschenk gewissermaßen. Sein erster Fall im Ländle, von dem er sich bis heute nicht richtig erholt hat. Weswegen er den Job hinschmeißen wollte, kaum dass er ihn begonnen hatte. Aber was hast du mit bald fünfzig Jahren für eine Perspektive? Leib Leben Gesundheit, oder - niente. Mit ein bisschen Protektion hat man es gerade noch zum Abteilungsleiter in der Bregenzer KA gebracht. Kurz, bevor die Politiker über Umstrukturierungen bei Gendarmerie und Polizei nachzudenken begannen. Was à la longue nichts anderes bedeuten wird, als früher das hübsche Wort Freisetzung und noch früher - weniger hübsch, aber ehrlicher - Entlassung ausgedrückt hat, Abbau unrentabler Arbeitsplätze. Und diesen sicheren Posten willst du hinschmeißen? Wegen einer klitzekleinen Depression, die eh in der Familie liegt, seit drei Jahren kombiniert mit einer posttraumatischen Störung, die an der Familie liegt? Und von wegen Umschulung, beruflicher Neuorientierung ... Dass ich nicht lache! Bestenfalls ein Leben als Sandler steht in diesem Alter zur Debatte. So, wie es die interessante Leich, mit der Hagen es jetzt zu tun hat, geführt haben dürfte.
Denn dass es sich bei dem Toten vermutlich um einen langfristig Obdachlosen handelt, scheint laut vorläufiger gerichtsmedizinischer Erkenntnis nahezu gesichert. Der miserable Zustand der Zähne, die körperliche Verwahrlosung ganz allgemein, nicht zuletzt aufgrund eines offensichtlich andauernden Alkoholmissbrauchs, und Fingernägel, so lang wie bei einem Flamencospieler. Allerdings nicht annähernd so gepflegt.
(S. 22 f)

© 2006, Haymon Verlag, Innsbruck-Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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