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Leseprobe: Christian Klinger - "Spur im Morgenrot"

Eisensteiner, der schon seit Jahren keine Frau mehr gehabt hatte, bemerkte, wie plötzlich die in ihm aufgestaute Lust aufstieg, und er ließ sich willig auch das letzte Stück Wäsche von seiner dicken Unterkunftsgeberin ausziehen, bevor sie sich liebten. Als er am nächsten Morgen erwachte, erschrak er darüber, dass es beinahe zehn Uhr vormittags war. Immerhin würde er nun auch in Ungarn von den hiesigen Behörden zur Fahndung ausgeschrieben sein, weswegen es galt, keine Zeit zu verlieren. Als er sich aus der weichen Matratze herauswinden wollte, stellte er fest, dass ein brennender Schmerz von seinem Rücken ausging. Er versuchte, beim stumpfen Spiegel über dem Waschbecken einen Blick auf seine Rückenpartie zu ergattern, konnte jedoch bei dem fahlen Licht, das auch untertags in diesem Raum herrschte, nur eine rote Strieme ausmachen. Dann fiel ihm die Episode von letzter Nacht ein und er konnte sich denken, woher der tiefe Kratzer in seinent Fleisch stammte. Er sammelte seine wenigen Habseligkeiten am Bett zusammen und kontrollierte sofort die Reisekasse in der Innentasche seiner Jacke. Beruhigt steckte er das Bündel wieder zurück, warf die Jacke über und packte den Rest des Häufchens in seine Reisetasche. Als er die Treppe auf der Suche nach einem Frühstück hinabstieg, stellte er eine seltene Heiterkeit an sich fest, die er schon seit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Er kam in die Eingangshalle, die im Gegensatz zu den verwahrlosten Zimmern einen freundlichen Eindruck machte. Hinter dem Pult, auf dem ein Schild auf die deutschsprachige Empfangsdame hinwies, war der Schrank mit den nummerierten Fächern für die Post der Hausgäste, in denen die Zimmerschlüssel hingen. Vor beinahe sämtlichen Fächern hing ein Schlüssel - bis auf das seines Zimmers und ein weiteres. Der zweite fehlende Schlüssel musste zum Zimmer der dicken Rezeptionsdame gehören. Damit schien sichergestellt, egal wie intensiv und laut das Treiben der letzten Nacht gewesen sein mochte, dass niemand es gehört haben konnte. Er betrachtete noch einmal die Postfächer und dachte sich, dass die meisten Gäste wohl kaum so lange blieben, als dass sie ihre Post erreichen könnte. Dann wurde er durch ein Summen, das um die Ecke kam, aus seinen Gedanken gerissen. Er bog den Gang ums Eck in Richtung des Summens.Vor einer kleinen Küche angelangt, erblickte er die dicke Rezeptionistin, die gerade dabei war, ein Frühstück zu bereiten. Als sie Eisensteiner, der sie schon eine Weile beobachtet hatte, erblickte, lächelte sie ihn an und kam mit einer Tasse Kaffee auf ihn zu.
"Guten Morgen, Eisensteiner, ich dache schon, du verschläfst deine Abreise."
"Woher weißt du meinen Namen?"
"Weil du ihn mir gesagt hast."
"Was habe ich dir noch alles erzählt?"
"So einiges. Teilweise wirres Zeug."
Eisensteiner stellte seine Tasse Kaffee, die er bislang noch nicht angerührt hatte, hinter seinem üppigen Abenteuer ab und griff, als sie ihm den Rücken in die Arbeit vertieft zuwendete, nach einem auf der Ablage liegenden Messer und hielt den Griff fest in seiner Hand. So weit, wie er schon gekommen war, konnte und wollte er kein Risiko mehr eingehen.
"Wer weiß von meiner Ankunft hier? Hast du schon mit deinen Leuten Kontakt aufgenommen?"
"Ich weiß nicht, was die Frage soll, du bist gestern spät nachts gekommen, wann hätte ich da noch anrufen sollen? Ich mache uns schnell Frühstück und dann rufe ich Karoly an. Ich nehme an, du wirst mit Janos über die Grenze gehen. Der kennt im Moment die besten Plätze, um über die Grenze zu kommen."
"Ich dachte, mein Kontakt heißt Matthys?"
"So ist es, seinVorname ist Karoly."
Eisensteiner hatte sich inzwischen auf die Anrichte gelehnt und prüfte mit seinem Zeigefinger, ob die Klinge des Messers scharf genug wäre, das Rückgrat eines Menschen zu durchtrennen. Sie war jedenfalls scharf. Der Rest war eine Frage der aufgewendeten Kraft. Eisensteiner konnte das Brennen des Schmerzes im Körper seines Opfers erahnen, das in dem Moment einsetzte, wenn die Klinge das Fleisch durchtrennte. Die dicke Frau stellte geschäftig Tassen, Eier, Speck und Brot auf ein Tablett und drehte ihm immer noch den Rücken zu.
"Wir können gleich essen. Willst du in den Frühstücksraum gehen oder" - sie deutete auf ein kleines Bistrotischchen, das in der Ecke stand - "willst du gleich hier essen?"
Eisensteiner betrachtete den Steinboden, der sicher besser zu reinigen wäre als die speckigen Teppichböden, die sonst das Hotel an allen Ecken und Enden verunstalteten.
"Wir essen gleich hier. Du bist also sicher, dass sich meine Ankunft bislang nicht herumgesprochen hat?"
Ja, wie sollte sie auch?"
Eisensteiner machte einen Schritt auf sie zu und holte mit dem Messer aus, als sie fortfuhr.
"Der Einzige, der deine Anwesenheit bemerkt haben muss, war der kleine Schweizer, der in der Früh wutentbrannt abgereist ist. Er hat sich über seine gestörte Nachtruhe beschwert. Als ich auf sein Klingeln zur Rezeption gekommen bin, hat er gerade das Gästebuch durchstöbert, weil er sich über dich beschweren wollte. Anscheinend habe ich, als du mich durchpflügt hast, ständig deinen Namen geschrien." Sie lachte. "Ein ziemlich bornierter Zeitgenosse, dieser Schweizer. Hat offenbar nicht gewusst, worin unser spezieller Service besteht."
Eisensteiner legte das Messer behutsam ab und klopfte der dicken Rezeptionistin sanft auf die Schulter.
"Lass uns jetzt etwas essen, ich bin hungrig. Nach dem Frühstück wollte ich dich bitten, diesen Karoly Matthys anzurufen. Ich will ihn aber nicht hier treffen. Er soll einen neutralen Ort für ein Treffen vorschlagen. Und er soll diesen Janos, oder wer immer dann mit mir geht, gleich mitnehmen."
(S.  205-208)

© 2005, novum Verlag, Horitschon.

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