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Marie-Thérèse Kerschbaumer: Calypso.

Über Welt, Kunst und Literatur
Klagenfurt: Wieser, 2005.
234 S.; geb.; Eur[A] 14,80.
ISBN 3-85129-561-7.

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Laudationes, Rezensionen, Artikel, erschienen in diversen Printmedien (ein zeitgeistiger Begriff, der Marie-Thérèse Kerschbaumer nicht freuen wird), kurz: Essays versammelt der Band mit dem vielsagenden Titel Calypso.
Es handelt sich bei der vorliegenden Textsammlung vorwiegend um kritische Stellungnahmen zur unendlichen Geschichte der Politik, zu gesellschaftlichen Fragen und profunden Reflexionen, mit denen die Autorin das weite Feld der Kunst und Literatur beschreibt.

An den schändlichen Krieg im Kosovo und den wenig ehrbaren General Pinochet erinnert die Dichterin und geistreiche Essayistin fast beiläufig. Beherrscht, aber unnachgiebig, beherzt und treffsicher deckt sie auf, wo die "Meinungsmaschinerie" zudeckt.
Die Literatur vermag gegen das "Datenmonster", das die Massenmedien hervorgebracht haben, augenscheinlich nichts, entnehmen wir dem Subtext der Kerschbaumer'schen Ausführungen. Und dabei unterschätzt die Dichterin und Verfasserin der hier vorgestellten Publikation ihre Schlagkraft.
Einmal mehr erhöht sich die Geschwindigkeit auf dem Datenhighway, während die Literatur im Fiaker über die Chaussee rollt. Aber wer Bedächtigkeit und Geduld verschmäht - zeitlose Kriterien ästhetischer Produktion und Betrachtung - wird auch dem Genuss vergebens hinterherlaufen. Davon weiß das imaginäre Museum der Kunst samt ihren VertreterInnen zu berichten.

Getrennt oder zusammengeschrieben? muss ich mich fragen, während ich Kerschbaumers Diatribe gegen die Rechtschreibreform erwähne, die sie als "späte Rache schlechter Schüler" bezeichnet. Mit gelungenen Aperçus (wie dem eben zitierten) träufelt die Autorin Balsam auf die schöngeistige Seele, denn es steht außer Zweifel, dass die so genannte neue Rechtschreibung eine misslungene Beglückung der schreibenden Zunft darstellt. Wenn im betreffenden Essay allerdings behaupt wird, die Reform treibe "der deutschen Sprache die Merkmale des Deutschen aus", dann muss zumindest auf die vorletzte Rechtschreibreform von 1901 verwiesen werden. Wer dieses Argument ins Treffen führt, glaubt an die Unwandelbarkeit von Sprache und meint letztlich nur das Festhalten an lieben Gewohnheiten.

Wir stimmen mit der Orthografieschelte der Autorin völlig überein und müssen dennoch die mangelnde Sorgfalt beklagen, die sie ihrer eigenen Schreibung angedeihen lässt. Dazu eine Auswahl: "chique" statt chic (S. 12), "von hohem ästhetischen Wert" statt von hohem ästhetischem Wert (S. 37), "Hypothenuse" statt Hypotenuse (S. 55), "cirka" statt circa/zirka (S. 101), "Canapees" statt Kanapees (S. 101), "zum greifen nah" statt zum Greifen nah (S. 105), "Flüsschen" statt wie in der alten Rechtschreibung üblich Flüßchen (S. 132), "Karussel" statt Karussell (S. 153), "Sysiphusarbeit" statt Sisyphusarbeit (S. 184), "gewiss" statt wie vormals gewiß (S. 203). Die falsch geschriebenen Eigennamen, mangelhaften fremdsprachigen Zitate, fehlenden Beistriche oder ein Lapsus wie "Wels an der Donau" (das bekanntlich an der Traun liegt) schmerzen zwar, sollen indes den Blick auf brillante Formulierungen und die Schärfe des Urteils nicht verstellen.

Vor allem in der Auseinandersetzung mit Arbeiten von KollegInnen zeigt sie sich als Kennerin und kompetente Vermittlerin zeitgenössischer Literatur. So erweist sie in mehreren kleinen Aufsätzen zu Gerhard Kofler oder Lisa Fritsch prominenten Vertretern der neueren Lyrik ihre Reverenz und ortet Bleibendes im Kleinen.
Hervorzuheben ist ferner ihr Engagement für Literatinnen, deren Echo kaum an die Gegenwart heranreicht. Bertha von Suttner und Catherine Colomb stehen metonymisch für eine Reihe von Frauen, die noch immer auf einen angemessenen Platz in der Literaturgeschichte harren.
Worum geht es? fragt sich die Leserschaft. Um den Mythos: Die Meeresnymphe Calypso wollte Odysseus heiraten und ihn unsterblich machen. Doch der von unstillbarem Verlangen nach Ithaka getriebene Held verließ die Insel und kehrte in die Heimat zurück.
Mit der im Titel enthaltenen Anspielung nennt Kerschbaumer ihr eigentliches Anliegen, das sie in einem ihrer Aufsätze pointiert paraphrasiert: "ARKADIEN ist der freundliche Wettstreit der Dichtung, die weiß, daß sie nicht erst seit gestern besteht. APOLOGIE ist die Verteidigung unserer Welt, des alten Europa, das nicht erst seit gestern besteht."

Calypso liest sich in diesem Sinne als Plädoyer für die Aufgabe jeglicher Literatur: die kritische Bezugnahme auf die Gegenwart unter Berufung auf eine geistesgeschichtliche Tradition, von der der Puls der Zeit nichts weiß.
"Die Massen erkennen nicht, wer ihre Feinde sind." Gottlob gibt es Stimmen, die nicht aufhören, daran zu erinnern.

 

Walter Wagner
18. Mai 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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