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Ilse Kilic: Vom Umgang mit den Personen.

Eine Schöpfungsgeschichte.
Klagenfurt: Ritter Verlag, 2005.
120 S.; brosch.; Eur 13,90.
ISBN: 3-85415-376-7.

Link zur Leseprobe

Die Vorstellung, Menschen auf einem anderen Weg als durch Vereinigung von Weiblichem mit Männlichem zu erzeugen, ist für die Menschen seit jeher ein Faszinosum. Dieses Phänomen thematisiert und reflektiert Ilse Kilic in ihrem neuen Band mit zahlreichen Beispielen aus der Geschichte, vor allem arbeitet sie darin Parallelen mit der Literatur heraus: Ist nicht auch das Schaffen und Gestalten von literarischen Figuren ein Akt, der der Konstruktion eines Homunculus oder einem patchworkartigen Zusammenflicken à la Frankenstein gleicht? Mit wissenschaftlicher Akribie und unter Einbindung zahlreicher naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wird dieser Frage nachgegangen und eine Definition des Wesens einer literarischen Hauptperson sowie auch der Nebenperson unternommen. Die Präzision und Klarheit der Untersuchungen wird durch Zeichnungen illustriert, die menschliche Figuren mit den geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Rechteck darstellen. Der Textaufbau erinnert mit Einführung, durchnummerierten Kapiteln und Anhang an eine wissenschaftliche Abhandlung, an eine Dissertations- oder Habilitationsschrift, zwischendurch sind Merksätze und Aufgaben für die LeserInnen eingeflochten, das kennen wir aus Lehrbüchern oder auch von Gesellschaftsspielen, der Titel erinnert an Herrn Knigges Ratgeber "Über den Umgang mit Menschen", der bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein in keiner Hausbibliothek fehlen durfte, durch den Untertitel wird auch ein Bezug zum Biblischen hergestellt.

In diese Textmatrix werden zwei Hauptpersonen gestellt, Gerda und ihr Anagramm Edgar, an denen das Wesen und der Gegenstand einer Hauptperson vorgeführt und analysiert werden. Während Edgar aus einer wohlbehüteten Lindenholzwiege entwachsen und an einem Hauslehrer geschult schließlich an der Universität beeinflusst durch einen Studenten namens V. (wie Viktor Frankenstein) der Begeisterung an der künstlichen Herstellung von Lebewesen erliegt, versucht Gerda den dörflich-proletarischen Verhältnissen nach einigen Monaten Fabriksarbeit durch Übersiedlung in die Stadt zu entkommen, wo sie Edgar kennenlernt. Diese Figurenkonstellation, die im Prinzip in verschiedenen Variationen im Laufe der Literaturgeschichte immer wieder auftaucht, wird nun nicht konventionell erzählerisch ausgeführt, vielmehr bestehen die Erzählerkommentare aus genauen mikroskopischen Betrachtungen, Darstellungen oder zusammenfassenden Rückblenden in Form von Listen, Ermittlungen der spezifischen Gewichte der Hauptpersonen sowie physikalisch präzisen Untersuchungen ihrer Härtegrade und Temperatur und den möglichen Folgen für die Handlungs- und Textstruktur. Dadurch entstehen zum einen viele ironische Brechungen herkömmlicher Erzählstränge, zum anderen wird das Paar Edgar und Gerda zu einem Modell, zu einem exemplarischen Studienobjekt, wie AutorInnen ihre Figuren erschaffen, was zu ihrem Gelingen beiträgt und was nicht und wie die LeserInnen in den Text einbezogen werden können. In Exkursen werden auch weitere mögliche Hauptpersonen beleuchtet, zum Beispiel Tiere, Orte, der elektrische Strom oder die Sprache, schließlich auch die Autorin oder der Autor selbst.

Auch Figuren werden unter Schmerzen geboren - dies zu zeigen, ist ein wesentliches Anliegen von Ilse Kilics Band, der ausführlich die möglichen Beziehungen der Hauptpersonen untereinander, das hierarchische Verhältnis zwischen Haupt- und Nebenperson sowie zwischen AutorIn und Person, das vom psychologischen Prozess der Gegenübertragung getragen sein kann, analysiert. Edgar und der Student V. erschaffen ihrerseits eine Person, und zwar in einem Essigkrug. Sie wird später den Namen Solo erhalten - Solo, wie er in die Welt kam. Und auch Solo wird in einem Kapitel als Hauptperson dargestellt, beschreibt seine Veränderungen und seine Essig-Umgebung und sinniert wie im platonischen Höhlengleichnis über die Möglichkeiten der Welt außerhalb des Essigkrugs. Dieses Behältnis legt eine Assoziation mit einem Tintenfass nahe, womit sich an Solo zeigt, wie im Schreibprozess aus einer Ursuppe - hier: aus Essig - eine Figur geschaffen und entwickelt wird, bis zur Szene mit dem Schuss, in der Solo dann verschwindet.

Wer also wissen möchte, was "Person" mit "Sonne" zu tun hat, wo es ein Monsterkabinett gibt, warum Carl von Linnés Metaphorik von seinen ZeitgenossInnen scheel betrachtet wurde, wie ein Ego definiert wird, was es mit der philosophisch-religiösen Strömung des Chagrinismus, der von der Notwendigkeit des Kummers auf der Welt ausgeht, auf sich hat oder was Kurt Gödels "Unvollständigkeitssatz" auf die Literatur angewendet bedeutet und sich obendrein im "fröhlichen Wohnzimmerismus", der "Bedürfnisartikulation als Bedürfniskritik, Kunst als Kunstkritik und Impfung gegen Billigkeit und Unbilligkeit des Lebens" (S. 58) bilden oder weiterbilden möchte, ist mit dem vorliegenden Buch bestens beraten.

 

Günter Vallaster
29. November 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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