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Alfred Kolleritsch: Befreiung des Empfindens.

Gedichte.
Graz, Wien: Droschl, 2004.
103 S.; geb.; Eur[A] 16,-.
ISBN 3-85420-664-5.

Link zur Leseprobe

Alfred Kolleritsch wagt wieder einmal den "Aufbruch, de[n] Absturz in die Schrift" und legt mit "Befreiung des Empfindens" seinen neuen Gedichtband vor. Der Grazer Droschl Verlag hat sich diesmal Kolleritschs Lyrik angenommen und präsentiert dessen 92 Gedichte in einem schmalen Büchlein, gebunden in einem schicken zyklamfarbigen Karton mit apfelgrüner Schrift. Die Aufmachung ist neu, die Gedichte selbst stehen aber wieder ganz in der Tradition des Kolleritsch'en Schreibens. Es sind Texte, die von Liebe, Leidenschaft und der Sehnsucht nach Unvergänglichkeit handeln. Mit einer atmosphärischen Bildersprache, die sich meist Versatzstücken der Natur bedient, begibt sich der Autor auf die Suche nach dem Du, das er in flüchtigen Begegnungen, in vergänglichen Beziehungen findet.

Wie könnte man Kolleritschs Gedichte wohl besser beschreiben als mit einem seiner Gedichte selbst: "Die Sprache blüht auf, / Urwälder voller Blumen / ohne den Kleinkrieg der Wörter." Dass hier von einem Ideal ausgegangen wird, nach dem der Dichter zu streben hat und dabei (nicht nur) auf die Unterstützung der Musen hoffen darf, weiß Kolleritsch nur allzu gut. Die Skepsis an der Sprache begleitet sein literarisches Schaffen von Anfang an. Erst relativ spät entschließt sich Kolleritsch, schreibend an die Öffentlichkeit zu treten. Im Umfeld der sprachkritischen Grazer Gruppe rund um das Forum Stadtpark entsteht sein erster Roman "Pfirsichtöter", mit dem er 1972 einen großen Erfolg landet. Im selben Jahr erscheint auch sein erster Gedichtband "innerer zorn". Von da an meldet sich Kolleritsch regelmäßig literarisch zu Wort, in der Lyrik dürfte er allerdings seine literarische Heimat gefunden haben. Das Gedicht wird für ihn zu einem Ort der philosophischen Selbstreflexion, an dem die bewirkte Welt sprachlich verdichtet und damit erneuert werden kann. Seine zuletzt veröffentlichten Gedichtbände "In den Tälern der Welt", "Die Verschwörung der Wörter" und "Die Summe der Tage" zeigen dies auf recht eindrucksvolle Weise.

Auffallend an Kolleritschs lyrischen Arbeiten ist, dass diese im Laufe der Zeit sentimentaler geworden sind, im gewissen Sinne auch melancholischer: Trauer und Abschied schleichen sich immer wieder zwischen die Zeilen, "todschwarze Beeren / w[e]rden Wörter". Literarische Allgemeinplätze werden dann abgerufen: Die "Trauerweide" und der "Novembernebel" tun das ihrige, bis dann endlich der Schnee fällt, um sich dem Tod anvertrauen zu können. Trotz der Einfachheit der angerufenen Worte und Dinge sind Kolleritschs Gedichte fern von plumpem Abklatsch längst verbrauchter poetischer Bilder, er versucht vielmehr den ewigen Themen der Lyrik aufs Neue zu begegnen. Liebe und Glück werden von Vergänglichkeit und Tod abgelöst, allein aber zu dem Zwecke, die Gefühle und Empfindungen, die dadurch ausgelöst werden, zu begreifen und folglich überwinden zu können. Der Titel des neuen Lyrikbandes heißt dementsprechend auch "Befreiung des Empfindens". Dieser Befreiungsakt mag dem Autor auf zwei Wegen gelingen: Einerseits durch das bloße Aufschreiben, das im therapeutischen Sinne einem Von-der-Seele-Schreiben gleichkommt, andererseits, indem er die Empfindungen in der Natur verortet. Seien es die Pflastersteine, die abgeernteten Kürbisse oder auch nur der Vogelgesang - sie alle dienen als Substitut für die Empfindungen, die in ihrer materialisierten Form an- und dadurch auch begreifbar werden. Klassische Naturgedichte sind sie allerdings nicht, die poetischen Texte von Kolleritsch. Sie verbinden vielmehr Bilder aus der Natur mit philosophischen Gedankensystemen und Sprachreflexionen, sie bilden die bewirkte Welt in ihrer Wörtlichkeit ab, ohne dabei die Grenzen zwischen Ding, Wort und Bedeutung zu vergessen.

Der Autor zwingt uns dabei nichts auf, er lässt vieles offen, in knapper und abstrakter Form eröffnet er Leerstellen und damit auch Möglichkeiten für den Leser, sich des Empfindens zu befreien. Anleitungen dazu werden keine gegeben, nicht einmal ein Klappentext liefert Lesehilfen. Die Gedichte müssen für sich alleine sprechen. Ihr Rhythmus und Klang unterstützen sie dabei. Die Titel fehlen zumeist und auch die zumal recht einfach anmutenden Bilder erweisen sich als trügerisch, erklären nicht sich selbst. Sie versperren sich ihrer Dechiffrierung, liefern keine Antworten, sondern werfen vielmehr Fragen auf. Kolleritschs Gedichte zu verstehen, wird einem nicht immer leicht gemacht, es erfordert schon eine gewisse Bereitschaft und Hartnäckigkeit, sich auf seine Gedichte einzulassen. Denn nicht bei jedem Leser stellt sich eine Lust ein, "wie die Leere die Leere ist". Es ist aber sicherlich auch noch kein Qualitätskriterium von Gedichten, wenn sie sich sperrig dem Erfassen von Sinnzusammenhängen verschließen. Bei den Texten des "Irrwegführers" Kolleritsch ist es gerade die Diskrepanz zwischen Sagbarem und Unsagbarem, zwischen Verstehen und "schmutzigem Unverständnis", es ist die Irritation seiner Texte, die den Reiz beim Lesen ausmachen, wenn gleichsam "Abgründiges / wachgeschwiegen" wird.

Stefan Krammer
6. Juli 2004

Originalbeitrag

 

 

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