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Anna Kim: Die Bilderspur.

Erzählung.
Graz: Droschl, 2004.
88 S.; geb.; Eur[A] 15,50.
ISBN 3-85420-662-3.

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Anna Kim, 1977 in Südkorea geboren, schreibt auf Deutsch. Sie ist Trägerin des Wiener Autorenstipendiums 2004. Und das sicher nicht zu Unrecht. Denn ihr eben erschienenes erstes Buch mit dem Titel "Die Bilderspur" ist ein beachtliches Sprachkunstwerk.

Den Grundakkord gibt eine Stelle aus Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen" an: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen." Damit ist der Zwang und die Beschränktheit eines Sprechens in Bildern, wenn nicht des Sprechens überhaupt artikuliert. Und doch vertraut sich Kim in ihrer Erzählung dem Fluss der Sprache und der Bilder an. Macht aus der Beschränkung eine Tugend, möchte man sagen. Denn so eng das erzählerische Konzept auf den ersten Blick erscheinen mag, und so rigoros die Autorin es durchexerziert, so überraschend sind die Momente von Weite und von Präzision, die darin zum Vorschein kommen wie in Bernstein eingeschlossene prächtige Insekten.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: "Suchen", "Finden", "Verlieren". Doch in Wahrheit folgt der Text weniger einer linearen als einer kreisförmigen Bewegung um Figuren, Ereignisse, Bilder herum, die er in einer immer neuen Weise zu beschreiben sucht. Die Autorin, die in Wien Philosophie und Theaterwissenschaft studiert hat, hat zweifellos die Wiener Avantgarde und einiges an neuerer Philosophie gelesen. Erstaunlich ist die Stilsicherheit, mit der sie ihre Sätze drechselt. Stellen wie: "Ich hänsle und gretle durch den Korridor", "Er verduftet über den Ozean", "Inzwischen, wispert Iris, wolken Wellen gegen Kreideklippen, Gleise halbieren den Garten auf der Strecke zwischen Berg und Fluss", "Wasser pfropft durch den Spalt, pfützt auf den Parkettboden" oder "Der Rumpf, wellenbeknabbert, schlummert auf gelbem Sand unter Palmen und Pandabären" sind nicht Ausdruck eines manischen Sprachexperimentierdrangs, sondern stellen einen inhaltlichen und poetischen Mehrwert bei gleichzeitiger extremer sprachlicher Verknappung dar.

Die primäre Thematik, um die der Text kreist, ist die des Fremd-Seins, des Emigranten, der nur schwer in die ihn umgebende Gesellschaft integrierbar ist, dem man mit Zurückhaltung und doch auch mit Neugierde begegnet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Figur des Vaters der Ich-Erzählerin (bei gleichzeitiger totaler Abwesenheit der Mutter!). Er hat den Zustand des Fremd-Seins zu verantworten, da er aus der fernen - wohl asiatischen - Heimat emigriert ist. Als Künstler übt er jedoch eine Faszination aus, die der Ablehnung entgegenwirkt. Zu seiner Tochter spricht er vor allem über seine Bilder und sie lernt über das Lesen der Bilder das Sprechen. Der Text arbeitet dementsprechend nicht nur mit sprachlichen Bildern, sondern auch mit Bildern im wörtlichen Sinne: mit Gemälden. Er folgt der "Bilderspur". Die kleinen märchenhaft-mythologischen Geschichten, die aus den Bildern herausgelesen werden, die "Bildergeschichten", führen das Buch zugleich zurück aus der europäischen in die asiatische Tradition. In beeindruckender Weise kristallisiert dieses erzählerische Verfahren in der Mitte des Textes zur Schilderung einer Liebesbegegnung, die man so sicher noch nicht gelesen hat. (vgl. den Textauszug im Anhang)

Zum Fremd-Sein gesellt sich die Problematik der Entfremdung. Der Vater der Ich-Erzählerin kehrt am Ende des ersten Teils in die Heimat zurück, lässt seine Tochter jedoch in der Fremde. Er wolle keine Wurzeln ausreißen. Die Vater-Tochter-Beziehung wird damit zu einer, die gekennzeichnet ist durch ständiges Abschiednehmen. Eine Prägung, die die Tochter in alle ihre Beziehungen mit hinein nimmt als Unfähigkeit, wirkliche Nähe zuzulassen, aus Angst vor neuerlichem Verlust.

Dies nur ein paar thematische Entwicklungslinien. Das alles ist jedoch in einer Art geschrieben, die sich solchen Festschreibungen prinzipiell widersetzt, da jede Gewissheit vom Text sofort wieder hinterfragt wird, Irrtümer, Missverständnisse und Unklarheiten das existentielle Fremd-Sein des Menschen in der Welt auf eine eindringliche Weise anschaulich machen. Auf formaler Ebene spiegelt sich die Problematik der Entfremdung durch ein verwirrendes Spiel mit Perspektiven und Identitäten, insbesondere durch einen Wechsel von der Ich-Erzählung zur distanzierteren Sie-Erzählung, in der erst am Schluss - in einer neuerlichen Spaltung, die aber letztlich eine Art Heimkehr ist - das Ich wieder auftaucht.

Ein Buch, das sich nicht gerade leicht liest, weil es sperrig und widerborstig ist, das einen aber doch packt, weil es so voller sprachlicher und thematischer Er-Findungskraft ist.

Nicole Katja Streitler
25. Oktober 2004

Originalbeitrag

 

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