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Robert Kleindienst: Vermintes Echo

Erzählungen.
Innsbruck: edition laurin bei innsbruck university press, 2014.
130 Seiten; € 16,90.
ISBN: 978-3-902866-13-4.


Autor
Leseprobe

"Links. Rechts. Weiter. Die Forschung braucht Nahrung." So heißt es gleich in der ersten Erzählung Aschenmeerschwein: Antikodex von Robert Kleindienst in seinem neuen Erzählband Vermintes Echo, der im Innsbrucker edition laurin erschienen ist. Die ersten längeren Texte handeln vorwiegend von Menschenexperimenten während der NS-Zeit. Mal aus der Sicht eines Arztes, der kühl und lakonisch dokumentiert. Mal verfolgen wir im Gericht nach der NS-Zeit ein Kreuzverhör mit einem Arzt, der von Reue nichts wissen will.
Diese Texte wirken äußerst eindringlich. Kleindienst verstärkt diese abgründige Atmosphäre durch den harten Tonfall von Ein-Wort-Sätzen, die einen befehlsharschen Rhythmus erzeugen. Anschaulich zeigt der Autor, dass die Entmenschlichung der Opfer bereits mit der Sprache beginnt. Stellt aber zugleich die ethische Frage: Wie weit dürfen Ärzte/Forscher gehen? Auch heute noch. Nicht umsonst steht vor der oben erwähnten Erzählung das Zitat von Stanislaw Jerzy Lec: "Seien wir wenigstens so lange Mensch, wie die Wissenschaft nicht entdeckt, dass wir etwas anderes sind."
Kleindiensts Texte bleiben somit nicht in der Vergangenheit haften. Er destilliert die Geschichten aus der NS-Zeit auf das Wesentliche, auf das, was Menschen Menschen antun können. Im Dienste der Forschung oder einer perversen Ideologie. Und dass sich dies wiederholen kann bzw. wiederholt. Etwa wenn Experimente in Indien an ahnungslosen Patienten von westlichen Pharmakonzernen vorgenommen werden.* So gelingt es dem Autor, einerseits das Erinnern an die Gräueltaten der Nazi-Halbgötter in Weiß aufrechtzuerhalten, andererseits vor aktuellen Entwicklungen zu warnen.

Eine weitere literarische Besonderheit: Kleindienst bedient sich mehrfach der Metapher des Nebels. Nebel auch als Anagramm bzw. rückwärts gelesen für Leben. Beide nicht greifbar; beide kennen keine definierten Grenzen. Auf Nebel projiziert man Träume und Freiräume - gerade, wenn es hoffnungslos ist. Quasi eine Leinwand, auf die man den eigenen Film projiziert. Natürlich ist diese Nebelmetapher ambivalent. Denn Nebel ist ebenso kalt, unheimlich, unklar, einengend, hoffnungslos. Genau mit diesen Gegensätzlichkeiten spielt Kleindienst in den meisten seiner Texte - und erinnert etwa an den Gegenwartsautor Jaroslav Rudiš, der mit seinem Protagonisten Alois Nebel ebenfalls mit dieser Metapher spielt.

Neben den KZ-Erzählungen befinden sich in der zweiten Hälfte des Buches Textminiaturen, die unterschiedliche Themen behandeln, etwa die Liebe. Diese Miniaturen kommen kurz und skizzenhaft daher. Wie eine Zeichnung, die schnell eine Atmosphäre, eine Emotion oder ein Geschehen andeutet. Dabei geht der 39-jährige Autor mal sentimental, mal poetisch, aber auch sarkastisch, politisch und kafkaesk vor. Kleindienst zeigt so sein ganzes Spektrum literarischen Könnens. Etwa in der Miniatur Rausschmiss. Kurz wird berichtet, dass wohl zwei Ausländer einen gewissen Jörg H. umgebracht haben. Verdächtig, weil arbeitslos, vermeintliche Vergewaltiger und eh schlecht Deutsch sprechend. Allerdings: Die toten Körper der vermeintlichen Verbrecher hat "man gestern in einer Mülltonne am Hauptbahnhof" gefunden. Ein bitterböser Kommentar zum subtilen Ausländerhass wie auch dem Schüren von Vorurteilen in den Medien - ohne die Grundzüge der Rechtsstaatlichkeit zu respektieren.
Brillant sind zudem die Titel zu den Texten. Man würde sie gerne an die Wand malen, etwa Die Lust des Schweigens im Nebel, Intermezzo im Konjunktiv, Ein Schritt vor, ein Tritt zurück, Keine Sekunde früher.

Fazit: Mit Vermintes Echo ist dem gebürtigen Salzburger Robert Kleindienst ein meisterhaftes und nachdenkliches Kleinod gelungen. Die nicht zu übersehenden Vorbilder Celan, Kafka und Trakl hätten sich zu diesem Band sicher nicht minder lobend geäußert.

Von Angelo Algieri
März 2014

* Siehe Dokumentation Pharma-Sklaven auf 3sat.de.

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.
















































































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