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Eva Kollisch: Mädchen in Bewegung.

Roman.
Aus dem Amerikanischen von Sabina Illmer.
Wien: Picus, 2003.
354 S.; geb; Eur[A] 21,90.
ISBN 3-85452-467-6.

Link zur Leseprobe

"Mädchen in Bewegung" ist ein autobiographischer Roman, erzählt von einer Wiener Jüdin, die 1940 in die USA emigrierte und heute als Literaturwissenschafterin dort lebt. Auf Grund des Detailreichtums und der Aufmerksamkeit hinsichtlich der Veränderungen glaubt man, die Autorin über zehn oder zwanzig Jahre ihres Lebens zu begleiten. Dieser Roman umfasst jedoch nur fünf Jahre, von 1940 bis 1945, von ihrem 15. bis knapp 20. Lebensjahr.

Eva Kollisch beginnt die Erzählung ihrer Erinnerungen mit ihrer Emigration von Wien nach New York und schließt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit dem Ende der Naziherrschaft. Als jüdisches Mädchen wuchs sie als Außenseiterin in Wien auf, jedoch in einem akademischen, intellektuellen Umfeld, ihr Vater war Architekt, ihre Mutter Dichterin. In den USA war sie als Flüchtlingskind ebenso eine Außenseiterin, die Verhältnisse waren ärmlich, ihr Vater arbeitete als Vertreter, ihre Mutter verdiente etwas Geld als Haushaltshilfe und später als Masseurin. Im kleinen bürgerlichen Staaten Island beginnt ihr Leben in den USA.

Wider erwarten ist der Roman keine intensive Beschäftigung mit Nazi-Deutschland und auch nicht mit dem jüdischen Schicksal, er will nicht rühren durch die Darstellung des Unglücks einer jüdischen Familie unter der Herrschaft der Nazis. Der Text ist jedoch ein überaus politischer Text, er ist reich an Diskussionen über Marxismus, Kommunismus, Demokratie und die Haltung von US-Amerikanern zum Zweiten Weltkrieg.

Auf einer tieferen Ebene sind die Auseinandersetzung mit der Ratlosigkeit der Jugend, ihrer Beeinflussbarkeit und ihrem Idealismus, die Suche und der Kampf um einen eigenen Lebensstil zentral. Die junge Eva Kollisch findet Begeisterung für "die Bewegung" der Trotzkisten, für eine Splittergruppe der Arbeiterpartei. Mit 15 Jahren beginnt sie auf Versammlungen zu gehen und stürzt sich mit jugendlichem Enthusiasmus und Idealismus in die politische Aktivität. Sie entwickelt sich von einer Sympathisantin zu einem Parteimitglied und unterwirft sich der strengen Parteidisziplin. Die Ideen und Verpflichtungen "der Bewegung" greifen autoritär in jeden Lebensbereich ein - Ausbildung, Arbeit, Freundschaften, Liebe und Ehe werden von der Partei bestimmt. Die Autorin unterwirft sich den Partei-Vorgaben trotz teilweisen Widerwillens lange. So verzichtet sie in dieser Zeit auf ein Studium und arbeitet in Fabriken. Auf Wunsch der Partei heiratet sie Walter, einen Organisator der Bewegung.

Kollisch beschreibt nachvollziehbar, dass nicht allein die Parteiideen ihre Zugehörigkeit ausmachten, sondern ebenso der Wunsch in der Bewegung eine Familie, ein Zuhause zu haben sowie der Hang zu revolutionärem Gedankengut und zur "Reinheit" von Motiven. Die Revolution scheint ihr, wie vielen Jugendlichen, die einzige Alternative zu einem bürgerlichen Lebensstil der Scheinheiligkeit. Mit Ende des Krieges aber wird Eva Kollisch bewusst, wie sehr ihr Leben von der Partei gelenkt wurde. So verlässt sie, wie viele andere mit Ende des Krieges 1945 die Bewegung und ebenso ihren in Europa stationierten Ehemann Walter mit dem Plan, nun ihr Studium zu beginnen. Interessanterweise war eine ihrer nahesten Freundinnen politisch völlig desinteressiert. Sie war poetisch, verträumt, naturverbunden und verfiel einem Anhänger von Wilhelm Reich. In ihr hatte Eva Kollisch immer den Gegenpol zur Partei. Nach der Trennung von den Trotzkisten findet sie genau zu dieser Freundin zurück.

Die Autorin erzählt ohne Verbitterung oder Zorn über diese Jahre ihres Lebens, die Zeit des Zweiten Weltkriegs, über ihre politische Aktivität bei den revolutionären Trotzkisten, über ihre Freundschaften und ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Verwoben mit diesen persönlichen Erlebnissen zeichnet Kollisch auch ein gesellschaftshistorisches Bild der USA in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Neben der trotzkistischen Bewegung finden sich viele geistige Strömungen. Eva Kollisch trifft auf Kommunisten, Pazifisten, Humanisten. Sie trifft auf Anhänger der Psychoanalyse und auf Reichianer, neben dem Antisemitismus gibt es den Rassismus gegen die schwarzen US-Amerikaner. Es gibt die Liebe zum Jazz und den Hang zur freien Liebe. Eva Kollisch zeigt uns auch ihr persönliches Bild der Arbeiterschicht, welches sie als Außenseiterin in den Fabriken entwickelt hat. Dies alles aber ohne theoretische Strenge, ohne Beurteilung. Der Roman bleibt ein persönlicher, autobiographischer Erfahrungsbericht.

Eva Kollisch hat die Distanz, um die gruppendynamischen Elemente einer solchen Bewegung zu erkennen und die Motive aufzuzeigen, die zur Auflösung individueller Wünsche und Lebensvorstellungen zugunsten einer autoritären Gruppe führen. Sie vergleicht ihre eigenen Beweggründe sogar mit denen der von ihr verhassten amerikanischen Cheerleader. So ist dieser Roman auch eine psychologisch interessante Studie über die Mechanismen von Gruppenbildung, von Jugendgruppen und politische Gruppierungen im Besonderen.
Ebenso gehört der Text dem Genre des Entwicklungsromans an, er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das von Abhängigkeit und Beeinflussung zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung findet.

Simone Czelecz
12. September 2003

Originalbeitrag

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