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Viktorija Kocman: Ein Stück gebrannter Erde.

Novelle.
Wien: Milena, 2003.
118 S.; geb.; Eur[A] 14,90.
ISBN 3-85286-110-1.

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Gefühle verlieren an Intensität, hat man einmal die Jugend hinter sich gelassen. Das Sich-Abfinden tritt an die Stelle der Verzweiflung, Liebe erkaltet, Sex wird lau: "die Leidenschaft verschwindet, wie auch alles andere verglüht. Man riecht nicht mehr den Duft des anderen, wie man es am Anfang getan hat, weil der Duft des anderen zu dem eigenen geworden ist und man sich selber ohnehin nicht riechen kann. So geht es vielen Paaren, die - wie wir - seit zehn Jahren zusammen sind."

Marina, rund dreißig Jahre alt, hat sich damit abgefunden. Obwohl gelegentlich natürlich auch Trennung ein Thema ist, ist sie trotz allem gern mit Armin zusammen, der in einer Versicherungsgesellschaft arbeitet und geradlinig seine Lebensziele verfolgt: beruflich erfolgreich sein, heiraten, Kinder haben. Er unterstützt (finanziell) Marina, deren jugendlicher Traum es war, Psychotherapeutin zu werden. "Den Traum habe ich irgendwo unterwegs verloren. Was von mir erwartet wird, führe ich wie eine Maschine aus, ohne Gefühl, gegen den Bauch. Was sollte ich sonst auch tun, wenn ich nicht Therapeutin werde? Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich überhaupt eine werden wollte und wie ich auf diese Idee kam."

Ein Paar in Wien, Ende der neunziger Jahre: Kocmans schlanker Text ist eine Novelle, die Gattung erfordert eine unerhörte Begebenheit - und die tritt ein im Gefolge des jugoslawischen Bürgerkriegs. Marina ist Serbin, Armin Albaner. Bislang war das kein Problem, zumal in Wien, zumal wenn man sich mit der eigenen Herkunft und Vergangenheit - wie Armin das tut - möglichst wenig auseinandersetzt. Selbst Armins und Marinas Eltern haben die Verbindung der beiden zur Kenntnis und also hingenommen.

Die Situation ändert sich aber plötzlich, als serbische Truppen in den Kosovo einmarschieren. Armins Schwester Arieta, die sich der albanischen Sache verschrieben hat, wird von Serben vergewaltigt, ihr Freund ermordet. Auf Betreiben der Familie und gegen ihren Willen bringt Armin sie nach Wien, in die Wohnung, in der er gemeinsam mit Marina, der Serbin, der Feindin, lebt. Mit dem Recht des Opfers beansprucht Arieta ihren Bruder ausschließlich für sich: "[...] wie kann er immer noch mit einer Serbin leben, wenn er weiß, was mir zugestoßen ist. Ich fühle mich verraten und unwichtig".

Während Armin sich immer mehr zurückzieht und in die Arbeit flüchtet, tobt zu Hause ein wortloser Kampf. Arieta findet Wege, sich an Marina für das erlittene Unrecht zu rächen. Auch Marina soll leiden, soll unglücklich sein. Beide führen sie - wie Marina feststellt - den Krieg weiter.

"Männer führen Kriege und Frauen ziehen mit. Es wird oft behauptet, wenn Frauen die Macht hätten, gäbe es keine Kriege, keinen Hunger und kein Elend. Daran zweifle ich. Frauen sind genauso gewalttätig wie Männer, wenn sie nur einen Vorwand dafür finden können. Arieta hat einen Vorwand, sie braucht Schuldige. Sie kommt an die wahren Täter nicht heran. Jemand anders muss dafür bezahlen".

Viktorija Kocman beleuchtet das Vorgefallene aus verschiedenen Blickwinkeln. Wenngleich Marinas Rede den Großteil der Novelle trägt, kommen auch Arieta und Armin zu Wort. Die Autorin, selbst aus Belgrad stammend und 1991 nach Wien übersiedelt, skizziert das langsame Auseinanderdriften - inklusive finalem Bruch - von Menschen, die einander einmal sehr nahe waren: Liebende, Geschwister, Eltern und Kinder. Der Krieg und die Schatten, die er auf die Menschen wirft, die in und neben ihm leben, sind dabei immer präsent. Ohne großen Gestus schafft es die Autorin Beklemmung zu vermitteln und gerade mit Hilfe von Auslassungen viel zu erzählen. Ein gelungenes Buch!

Barbara Angelberger
20. November 2003

Originalbeitrag

 

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