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Elfriede Kern: Tabula Rasa.

Vier Erzählungen.
Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2003.
155 S.; geb.; Eur[A] 19,-.
ISBN 3-902144-61-0.

Link zur Leseprobe

Mit den vier Erzählungen in "Tabula Rasa" zeichnet Elfriede Kern eine Welt voll dunkler Abgründe. Es gelingt ihr neuerlich, ein derart beunruhigendes, düsteres Ambiente zu erschreiben, dass man als LeserIn unweigerlich in die Kernsche Welt schlittert.

Elfriede Kern benutzt einen kargen, kantigen Stil. Sie entwebt Satzkonstrukte, die durch ihren Purismus den Erzählungen eine gewisse Strenge verleihen. Die Wortwahl ist einfach und unprätentiös. Geschichten entstehen aus einer Aneinanderreihungen von Gedankenfetzen, wirren Traumbruchstücken und düsteren Dokumenten von den Abgründen des Lebens. Ihre Figuren sind von diesem Leben gepeinigte, tieftraurige Gestalten, denen man unweigerlich etwas Gutes tun will. Durch die fragmentarische Auflistung von Begebenheiten wird eine geheimnisvolle Welt gezeichnet, die ihres gleichen sucht:

Eine spontane Entscheidung, sich von der vertrauten Umgebung zu lösen, veranlasst die namenlose Protagonistin zum "Aufbrechen", so der Titel der ersten Geschichte. Am Bahnsteig beginnt eine seltsamen Reise: Die erste Begegnung bringt Anton mit sich, einen recht kauzig anmutenden jungen Mann, der ein blaues Geheimnis in seiner Tasche herumträgt - das wiederum zum Objekt der Begierde wird. Die Reise führt das Paar durch Wälder und Wiesen, einige Gastwirte gewähren ihnen Unterschlupf, man ernährt sich von den Früchten des Waldes und am Ende tritt eine unerwartete Wende ein. Doch Leserin und Leser werden mit dem Rätselraten, warum dies alles passiert, allein gelassen. Die seltsame Verkettung von Ereignissen löst sich nicht auf, es herrscht zunehmende Unklarheit über die Motive der Reise, eine surreale und irritierende Unwissenheit.

Ähnlich der ersten Geschichte hat auch die Protagonistin in "Inschrift" keinen Namen. Man erfährt, dass sie in einer familienähnlichen Konstellation lebt, aus der sie sich immer wieder befreien will. Zum Alltag, den sie zu meistern versucht, indem sie sich herumtreibt, immer mit den gleichen Stationen, gesellt sich die Angst, etwas falsch zu machen oder erwischt zu werden. Ein Lieblingscafé, wo sie Unterschlupf findet, die Essensausgabe der Barmherzigen Schwestern, doch nirgends scheint sie vor ihren Häschern sicher. Eines Tages gewinnt diese Person einen Freund, einen, der sich mit dem Messer Wunden zufügt, dessen Haut mit den Narben der Verletzungen übersät ist. Auch sie beginnt, sich Wunden zuzufügen, nimmt das Messer und schneidet in ihre Haut, bis Blut heraustropft.

In der dritten Geschichte werden, wie der Titel "Tabula Rasa" anzudeuten sucht, einige Ungereimtheiten beseitigt, dennoch bleibt die Erzählung komplex, lässt vieles offen: eine aufgelöste Geschwisterbeziehung, die ältere Schwester ist verstorben, die jüngere fortgegangen, die mittlere ist präsent: "Ich bin die in der Mitte. Die mit dem Makel. Mein feuerrotes Mal auf der Wange zieht seit jeher alle Blicke auf sich." Von ihrem Makel wird erzählt, von den Schuldgefühlen, am Sterben der Schwester verantwortlich zu sein. Sie, die Ich-Erzählerin, streift nun nur mehr nachts herum, und irgendwann ist ihr ein Hund zugelaufen. Die Situation verkompliziert sich, und wie sich die Dinge zuspitzen, packt sie ihre Puppe und verlässt das Zuhause.

Die letzte Erzählung heißt "Ruth schläft", sie ist die längste und berührendste: Zwei Mädchen arbeiten beim Zirkus und machen sich auf, um den Winter weit weg von diesem Ort zu verbringen. Der Zirkus steckt in Schwierigkeiten. Ein Grund für die finanzielle Misere ist Blankas Krankheit, die ihre Auftritte immer unmöglicher gemacht hat. Blanka leidet an der Schlafkrankheit. Weit weg vom Zirkusdirektor und der Dompteuse, die, wenn Blanka während der Vorführung eingeschlafen war, diese mit heißen Eisen weckte, versucht Ruth Blanka zu trainieren. Die Briefe des Direktors enthalten ausführliche Informationen über die Vorgehensweise des Trainings und lassen wissen, wie sehr er sich auf ein Comeback freue. Das spornt Ruth an. Die beiden trainieren, so weit das mit einer narkoleptischen Person möglich ist. Doch eines Tages taucht der Direktor mit der Dompteuse auf. Er verlangt Essen und Unterkunft. Verängstigt über die Methoden des Direktors und seiner Gefolgschaft verlässt Ruth mit Blanka in der Nacht das Haus und flüchtet.

Wie sehr man sich auch auf die tiefschwarzen, dunklen Beschreibungen einlässt, es stellt sich die Frage, was die Geschichten sagen wollen und warum sie keinen Anfang und kein Ende haben.

Suse Mayer
28. November 2003

Originalbeitrag

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