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Marie-Thérèse Kerschbaumer (Hrsg.): Arkadien / Apologie.

Wien: Sonderzahl, 2003.
248 S.; brosch.; Eur[A] 19,80.
ISBN 3-85449-206-5.

Link zur Leseprobe

Peter Handke hat vor über zwanzig Jahren in seinem Journal "Die Geschichte des Bleistifts" festgehalten, dass jene Bücher die besten seien, "die einen immer wieder dazu bringen, innezuhalten, aufzuschauen, in die Gegend zu schauen, tief einzuatmen". Die Anthologie von Marie-Thérèse Kerschbaumer, Ergebnis des zehnten AutorInnenlabors in der Alten Schmiede zu Wien, ist genau so ein Buch: Es bewirkt unwillkürlich, dass Leserin und Leser Halt machen, einen Standpunkt einnnehmen, dabei aber offen bleiben, um einen weiteren Horizont zuzulassen und Leben zu gewinnen.

Zwei nicht ungeläufige Wörter, Arkadien und Apologie - und welche Welt, die sich da in Poesie und Prosa auftut. Arkadien, in der Touristik herabgekommen zum Inbegriff von Friede, Freude, Eierkuchen, wird von zwanzig Autorinnen und Autoren als ein unerreichbares, ständig lockendes Ziel neu aufgespürt. Wir werden konfrontiert mit "Paradise lost" und "Paradise regained", machen Reisen nach Las Vegas (Lisa Fritsch) und ins heutige Griechenland (Kurt Lanthaler), in die Literatur der Antike (Julian Schutting) und der Gegenwart (Anna Mitgutsch). Wie eine unvoreingenommene Lektüre der Mythen augenöffnend und zum erheblichen Erkenntnisgewinn werden kann, zeigt etwa Sabine Gruber, die bei Arkadien "nicht an das sinnbildlich glückliche Leben auf dem Lande, sondern an unseren ersten Ort, an den Körper" denkt und von "Göttersöhnen und Wissenschaftlern" und dem Zusammenhang von Mysterien und Medizin berichtet. Die Zugriffe sind ganz verschieden, dichterisch, erzählend, geheimnisvoll, ja auch dozierend. Friederike Kretzen nennt ihren lesenswerten Beitrag "... schnell ein Arkadien packen", was ziemlich ironisch gemeint ist und den Sammelband überhaupt nicht trifft. Hier suchen wir deshalb gottlob vergeblich oberflächliche Pflichterfüllung beziehungsweise arkadische Schnellschüsse, die Texte sind allesamt fundiert und gediegen.

Die Beiträge von Maria Elena Blanco, Rodolfo Häsler, Aurora Luque und Gerhard Kofler erinnern daran, dass die antike Mythologie nicht bloß für die deutschsprachige Literatur eine immer noch lebendige Folie, auf der die Erfahrungen der Gegenwart buchstabiert werden, bereit hält. Gerade durch die Rezeption der Alten entsteht ja jene imagined community in unseren Köpfen, die auch an den Grenzen Europas nicht endet. Vielleicht ist diese Gemeinschaft eine Form von Arkadien, die es ebenso zu verteidigen gilt, wie das von mir jetzt so bezeichnete "kleine Arkadien", das Marie Thérèse Kerschbaumer in den schönen Büchern von Gertrud Leutenegger und in den Briefen von und Gesprächen unter Freunden erfährt.

Dem Band steht eine Aufforderung des Parmenides aus seinem didaktischen Gedicht über die Natur voran, die auf faszinierende Weise in den unterschiedlichen Beiträgen eingelöst wird: "Erkenne mit dem inneren Blick / wie das Abwesende dem Anwesenden / fest beigefügt ist." Das Zitat ist auch auf Altgriechisch abgedruckt und steht so für eine der vielen offenen und versteckten Versuchungen dieses Projekts, sich mit der Welt dieser Sprache wieder einmal auseinanderzusetzen.

Das Buch hat eine von der Herausgeberin verfasste, tatsächlich informative Einleitung, die hält, was ihre Überschrift "Was dahinter steht" andeutet. Kundig führt sie in die Wortwelten Arkadiens und der Sokratischen Apologie ein, erinnert mit Nachdruck an die Intention des Projekts "Arkadien / Apologie", das Erbe der griechischen Antike nicht in Vergessenheit geraten lassen zu wollen. Treffsicher charakterisiert Kerschbaumer wie nebenbei jeden einzelnen Beitrag der Veranstaltungen in der Alten Schmiede. Sehr sorgfältig ist auch das kommentierte Verzeichnis mit den biographischen und bibliographischen Angaben am Schluss des Bandes zusammengestellt.

Helmut Sturm
1. März 2004

Originalbeitrag

 

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