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Radek Knapp: Papiertiger.

Eine Geschichte in fünf Episoden
München: Piper, 2003.
143 S., geb., EUR 14.90.
ISBN 3-492-04395-X.

Link zur Leseprobe

Walerian Gugania driftet wie ein loses Blatt im Herbstwind, ein unbeschriebenes loses Blatt. Mit dreißig hat er nichts Außergewöhnliches getan, und, was noch bedenklicher ist, er will gar nichts Außergewöhnliches tun. Sein Name klingt wie das "Pseudonym eines Clowns aus einem ungarischen Zirkus". Mit einem solchen Namen kann man kein Schicksal in die Knie zwingen, mit einem solchen Namen muss man den Kopf einziehen.

Das Alleinsein stört Walerian nicht, er ist gern ohne Verpflichtungen und ohne Verstrickungen. Einen einzigen Jux gesteht er seinem von Minderwertigkeitskomplexen leicht angekränkelten Ego gelegentlich zu. Er bewirbt sich gern um Stellen, für die er ganz und gar nicht qualifiziert ist. Erstaunlich oft gelingt es ihm dabei, sein Gegenüber zu bluffen. Bevor es ernst wird und man über Gehaltsvorstellungen verhandelt, lehnen Molekularbiologe Dr. Gugania et al. dann ab, mit lässigem Bedauern, für den Augenblick souverän. Im wirklichen Leben bleiben für ihn keine Berufe übrig, nur kleine Jobs. Er wird Krankenpfleger, Wärter eines Paviangeheges oder saisonbedingt frierender Weihnachtsengel, nachdem die warmen Weihnachtsmann-Kostüme der Firma "Schenken von Oben" bedauerlicher Weise längst vergeben sind.

Kein Stoff also für Helden, kein Stoff für ein Buch, würde man meinen. Doch der in Wien lebende und aus Polen stammende Autor Radek Knapp ist bekannt für seine sanften, vom Leben kaum gestreiften Helden. Sie haben alle Zeit der Welt, um in ihr Schicksal zu stolpern, blauäugig und mit einem durch nichts gerechtfertigten Gottvertrauen.

Mit "Papiertiger" taucht Walerian Gugania aus seiner amorph-beschaulichen Welt auf. In den langsam dahintröpfelnden Stunden als Krankenpfleger hat er eine Geschichte geschrieben, so zum Spaß. Seine Parkinsonpatienten täuschten jedesmal einen Hustenanfall vor, wenn sich einer vom Pflegeheimpersonal näherte, um ihn zu decken. Denn jeder mag Walerian Gugania und Walerian mag fast jeden. Das ist sein Geheimnis. Er ist ein weitgehend wunschloser, ein in sich ruhender Mensch, den das Leben anlächelt, vielleicht ein wenig vage, doch das Lächeln ist da, und Walerian kann nicht anders, er lächelt zurück.

Mit dem "Papiertiger" ändert sich jäh das Bild, denn Walerian Gugania wird völlig überraschend zur literarischen Entdeckung des Jahres ausgerufen. Er ist jetzt Schriftsteller und macht die Erfahrung, dass es durchaus nicht immer angenehm ist, im Brennpunkt des Interesses zu stehen. Speichelleckend hängt sich die "Branche" an seinen Lippen und applaudiert den nichtssagendsten Sprüchen, als wären es Weisheitstropfen. Keine Sorge, die "Branche" wird Walerian den Speichel später tausendfach mit geschliffenem Zynismus heimzahlen. Doch dazwischen passiert etwas Schreckliches. Walerian wird selbst zynisch. Plötzlich sagt er Sätze wie "Es gibt für einen Schriftsteller nichts Uninteressanteres als einen anderen Schriftsteller". Wo ist der liebenswerte, ein wenig eigenbrötlerische Walerian Gugania geblieben? "Noch dazu wenn er Debütant ist, der am liebsten über Kafkas Körpergröße redete und nach Angstschweiß roch." Das klingt ungewohnt bitter. "Aber Gregor hatte vor kurzem einen Selbstmordversuch überstanden, was ihn doch einigermaßen interessant machte." So mokiert sich der einstige Stern über den jüngsten Stern am Literaturhimmel, im Arm hängt ein Literaturgroupie, während die betrogene Frau Yogastunde hat.

Was soll bloß aus Walerian Gugania werden? Wird er denn werden wie alle? Radek Knapp schlägt einen Haken, lässt die Frage Frage sein und führt seinen Helden stattdessen in ein irisierendes, sonnendurchflutetes Erinnerungsbild, auf das Georges Seurat Farbe getupft hat. Walerian ist kaum achtzehn und hat einen besten Freund. Die Tage glitzern. Man jagt gemeinsam hinter Frauen her, die in diesem Sommer und bei diesem Licht besonders leicht zu fangen sind. Die Zukunft ist weit, weit weg und Walerian wünscht sich nichts sehnlicher als dass alles immer so bliebe.

 

Anne Zauner
5. März 2003

Originalbeitrag

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