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Leseprobe: Viktorija Kocman - "Reigentänze."

Die Straßen Belgrads hatte ich anders in Erinnerung, sauberer und heller, eine Folge der durch den Krieg verursachten Sanktionen. Oder war es nur mein verfeinerter Sinn für das Schöne, meine Verwöhntheit, die ich mir in der Fremde, die jetzt mein Zuhause war, aneignete? Der Taxifahrer fragte mich aus, wo ich herkomme, was mich hierher führt, denn er spürte, dass ich nicht mehr eine von den seinen bin, durch meine Kleidung oder Sprache oder entsetzte Blicke, die umherschweiften, als ich die verkommenen und schmutzigen Straßen erblickte. Er wollte alle Einzelheiten wissen, und es gab keinen Weg, seiner Befragung nicht Folge zu leisten. Als er von der traurigen Angelegenheit erfuhr, bot er mir eine Zigarette an, die verdächtig nach Gras roch. Ich habe schon mal gehört, dass alle Menschen in Belgrad Marihuana züchten, weil sie sonst die Depression, die sich über die Stadt gelegt hat, nicht aushalten.
In der Wohnung dann, vor den neugierigen und naiven Fragen des Fahrers geflüchtet, noch viel mehr Erinnerungen, die mich schließlich zum Weinen bringen. Ich weinte nicht wegen dem Großvater, nicht, weil die Stadt durch den Krieg, der angeblich woanders stattfindet, so verkommen und verwüstet war, nicht weil ich keine einzige Telefonnummer meiner alten Freunde hatte, die ich wählen konnte, und sie mir deswegen in den Passanten erfinden musste, und das so erbärmlich und beschämend empfand, sondern weil ich so viele Jahre habe verstreichen lassen, ohne mir einzugestehen, wer ich bin und wo ich herkomme, weil ich alles verdrängt habe, meine Familie und meine Freunde, meine Stadt, und die Straßen, auf denen ich gespielt hatte, das alles tauschte ich gegen etwas anderes, gegen etwas Glitzernderes und Bunteres. Doch nichts kann die Kindheit auslöschen, das, was sie einem geschenkt oder geraubt hat. Und dafür habe ich schließlich und endlich bezahlen müssen, ich habe Nikola verloren, und viele Jahre davor habe ich Igor verloren. Und jetzt auch Großvater, der in seinem sturen serbischen Stolz gestorben ist, ohne mir zu vergeben. (S. 32/33)

© 2001, Kitab Verlag, Klagenfurt, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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