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Leseprobe: Eva Kollisch - "Mädchen in Bewegung."

Wäre da nicht der Glanz der Russischen Revolution gewesen, hätte es mir ihr eloquenter Dolmetscher vielleicht nicht so angetan. Aber wie die Dinge lagen, verschmolzen Walter und die Revolution in meiner Vorstellung, zumindest am Anfang unserer Beziehung. Von Menschewiki und Bolschewiki hatte ich bereits gehört. Ich wusste, dass die Stalinisten unter jeder Kritik waren, aber dasselbe galt, laut meinem Mentor, auch für die Sozialdemokraten (Krücken des wackeligen Staates) und die "Ultralinken". Walter sagte, die Kronstädter Rebellion 1921 sei ein Desaster gewesen.
Aber ich hatte Gefallen an dem Wort "Ultralinke" gefunden. (War das nicht sogar noch besser als Linke?)
Walter sprach über Mittel und Zwecke. Er sagte, Leute, die die Revolution aufs Spiel setzten, indem sie im Namen höherer Ideale voreilig die Auseinandersetzung suchten, betrieben auch Verrat an der Arbeiterklasse. Er habe nur Verachtung übrig für diese radikalen Matrosen, die im Namen von Freiheit und Arbeiterkontrolle gegen den belagerten Staat der Bolschewiki revoltiert hatten.
"Gerechtigkeit, Mut und Opfer sind Dinge, die die Revolution braucht. Aber nur nach ihrer eigenen Uhr."
Ich wollte nicht hören, dass er diese Tugenden mit Bedingungen verknüpfte. In Gedanken sah ich mich auf einem Frachtschiff vor der Insel Kotlin, wie ich meine Matrosenmütze in die Luft schleuderte und mich für den Generalstreik heiser schrie.
Ich sagte: "Wie weiß man, dass es der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht hätte ich mich ihnen angeschlossen, wenn ich damals dort gelebt hätte."
"Du weißt nicht genug, um eine Meinung zu haben." Sein Ton mir gegenüber war das erste Mal ernst geworden. "Kronstadt ist nicht nur ein Vorfall in der Geschichte, sondern Symbol für eine Geisteshaltung: eine Mischung aus infantilem Linksrebellentum und bourgeoisem Romantizismus."
Er sah mich düster an. Walter ließ diese Geisteshaltung, die mich fasziniert hatte, wie eine Krankheit klingen. Ich hätte mir gut vorstellen können, mit solchen Leuten befreundet zu sein. Da sah ich, dass er bittende Augen machte, um mich von meiner gefährlichen Begeisterung abzubringen.
Ich sagte es nicht, aber sein Druck ärgerte mich. Ich wollte, dass die Revolution überwältigend war.
"Das tägliche Geschäft für die Revolution bietet zwar wenig Glanz", fuhr Walter fort, als lese er meine Gedanken. "Aber liegt nicht eine Art tiefere Befriedigung darin, das zu wissen und diese ernsthafte, selbstlose Arbeit zu tun?"
Er sah mir in die Augen.
So war Walter. Da hatte er seinen eigenen Charakter perfekt beschrieben. Ein Held in Gestalt eines Professors mit Hornbrille. Meine Bewunderung für ihn erreichte neue Höhen. Zumindest in Gedanken versuchte ich, die schmerzlich an mich gestellten Anforderungen zu erfüllen, nämlich mein Ego und meinen Durst nach Aufregung und Ruhm unter den anonymen Dienst an der Sache zu stellen.

(S. 96f.)

© 2003, Picus, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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