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Gerard Kanduth: Der Wal auf der Festplatte.

Gedichte.
Bielefeld, Münster: Neues Literaturkontor, 2000.
77 S., geb.; öS 117.-.
ISBN 3-920591-60-7.

Link zur Leseprobe

Das Schreibgerät als Instrument, mit dem der Schriftsteller die im Kopf gefaßte Welt der Welt zurückgibt, zieht sich als Motiv wie ein roter Faden durch alle Zeiten der Lyrik. Wenn der Autor intensiv am Schreibzeug herum sinniert, deutet das immer auf seine besondere Anspannung hin, die ihn vor dem Einsetzen des Textes umfaßt. Aber auch der Gedankenriß, das Eindringen der banalen Alltagswelt in die poetische Werkstatt des Autors sind denkbare Begleitumstände, die das Schreibgerät in den Mittelpunkt des Interesses rücken lassen.

Während es in früheren Zeiten um Tintenfässer, Gänsekiele und Stehpulte ging, spielt bei Kafka beispielsweise die Minimansarde des Schreibtisches eine fortlaufende Rolle.
Einen unvergeßlichen Eindruck als Schreibgerät hinterläßt bei Generationen von Lesern die Schreibmaschine, mit der der frisch abgestürzte "Homo faber" bei Max Frisch in der Wüste zu tippen beginnt. "ich holte meine Hermes-Baby (sie ist heute noch voll Sand) und spannte einen Bogen ein."

In Gerard Kanduths Texten ist längst der PC in die Schreibstube eingezogen. Die Festplatte dreht sich unendlich und steht als Sinnbild konzentrierter Information sogar im Titel des Lyrik-Bandes. (Ein anderer Titel aus dem Lyrik-Angebot des Neuen Literaturkontors heißt übrigens sehr überzeugend "Der weiße Laptop".) Dieses Herz des Informationsgerätes wird freilich durch den Walfisch überlagert und völlig unerwartet mit einer poetischen Funktion behaftet. Der zentrale Text dazu lautet: "nestroys walfisch // er las / ein buch / voller worte / des trostes // und war / am ende / doch nicht ganz / bei trost" (S. 21).
Dieser Text zeigt auch recht verläßlich die Verfahrensweise Gerard Kanduths. Er verwendet sprichwortartige Behauptungen als Basis, setzt sie durch die Zeilengliederung in einen lyrischen Kontext und verläßt verläßlich das vom Sprichwort angepeilte Ziel.

Im Mittelpunkt der lyrischen Widerhaken steht die Informationsgesellschaft, deren Mitglieder in den technischen Kommunikationsschleifen verloren gehen. Handy, Computer, Info und Textprogramm sind einige Schlüsselbegriffe, durch die Meinungen abgelenkt und beinahe optisch in eine andere Richtung gebrochen werden.
Je klarer die Aussage konzipiert ist - an einer Stelle wird die Botschaft sogar in Habtacht-Stellung übermittelt -, um so mehr driftet sie vom Kurs ab, bis die Aussage beinahe kontraproduktiv auf den lyrischen Auslöser zurückfällt.

Gerard Kanduths Gedichte zeigen einerseits die Schwachpunkte auf, an denen sich die scheinbar so perfekte Informationsgesellschaft immer wieder quasi von selbst aus den Angeln hebt, andererseits gibt es in den Texten die Hoffnung, daß auch falsche Ansätze und Richtlinien mit etwas Glück für das Individuum noch einmal gut ausgehen können.

Helmuth Schönauer
11. Jänner 2001

 

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