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Walter Kappacher: Silberpfeile.

Roman.
Wien, München: Deuticke, 2000.
223 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-216-30546-5.

Vier glänzende Rennwagen, vier Fahrer in weißer Montur, Männer in SS-Uniform, Polizisten, Mechaniker, Hitler im Gespräch mit dem Rennfahrer Rudolf Caracciola - ein Foto von der Eröffnung der Automobilausstellung im Februar 1937 führt den Motorsportjournalisten Andreas Mautner auf die Spur des Ingenieurs Paul Windisch. Mautner arbeitet an einem Artikel über die Ära der deutschen Silberpfeile, und bei seinen Recherchen landet er in einem Seniorenheim in Salzburg, wo der 85jährige Paul Windisch lebt, der die Epoche der Silberpfeile nicht nur erlebt, sondern auch mitgeprägt hat. Um dem Stress der Grand-Prix-Berichterstattung zu entkommen, hofft Mautner, bei dem Zeitzeugen die "ultimative Geschichte" zu finden - und die verlangt ihre Opfer. Windisch will nämlich noch einmal in sein Haus, das er zuletzt bewohnt hat, zurückgebracht werden, und die Reise mit dem eigenwilligen Begleiter im Rollstuhl bildet denn auch den Rahmen für die Geschichte.

Die Geschichte: Das ist vor allem einmal die Geschichte des Motorsports in den 30er Jahren, erzählt vom Versuchsingenieur der Auto-Union Paul Windisch, die Geschichte des Wettstreits zwischen Auto Union gegen Mercedes Benz, die Geschichte von Bernd Rosemeyer, einem der berühmtesten Rennfahrer der Vorkriegsjahre, der am 28. Jänner 1938 bei einem Weltrekordversuch tödlich verunglückt ist. Wer spricht, das ist der Ingenieur, und Mautner kommt die Rolle zu, wiewohl vergeblich, dessen Gedankenfluß zu lenken.

Immer wieder steuert die Erzählung auf die "Ereignisse des 28. Jänners 1938" zu, und immer wieder schweift Windisch ab, bricht die Erzählung kurz vor Eintreten der Katastrophe ab und führt zurück in die Realität des Seniorenheim-Lebens. Die Widrigkeiten des Heims sind es auch, die Windisch hindern, sein Buchprojekt über diese Zeit in Angriff zu nehmen, und ein Mangel an Informationen ist es, der den Journalisten Mautner plagt. Also erzählt Walter Kappacher die Geschichte, d. h., er läßt den Ingenieur erzählen: "Sie denken doch nicht, wir seien alle Nazis gewesen? Natürlich waren wir uns bewußt, welche Bedeutung die Weltrekorde, die Siege bei Grand-Prix-Rennen für die Regierung hatten. Nach jedem Grand-Prix-Sieg von uns oder von Mercedes konnte man in den Zeitungen von der weiter gestiegenen 'Weltgeltung Deutschlands' lesen. Ich war Mitglied des Chemnitzer Motorsportklubs und damit automatisch SS-Obersturmführer." (S. 93)

Eine Karriere, ganz auf Motoren und Sachlich-Technisches konzentriert, auf Geschwindigkeit und Sieg. Beeindruckend übrigens, wie präzise und anschaulich, genauer gesagt: wie glaubhaft die Empfindungen beim Schnellfahren geschildert werden. Ganz auf die Sache gerichtet ist Paul Windisch auch nach dem Unfall des Rennfahrerstars Bernd Rosemeyer, als er 1939 - nachdem es mit den Weltrekordversuchen und dem Rennsport vorbei war - ins Werk Schlier in der Nähe des Konzentrationslagers bei Zipf übersiedelt, mit einer Arbeit, die - wie Windisch zu erzählen weiß - als "kriegsentscheidend" eingestuft worden war. Die Tätigkeiten am Prüfstand für die V2-Raketentriebwerke und in der Anlage zur Herstellung von Raketentreibstoff werden da vom Ingenieur detailliert beschrieben: die Produktion, der genaue Hergang, die Explosionsunglücke - alles ist erschreckend klar und einfach.

Mit Paul Windisch läßt Walter Kappacher einen "unpolitischen" Erfolgreichen von damals auftreten. Wenn Windisch - wie er betont - auch nicht zu denen gehört habe, die nach dem Krieg so getan haben, als seien sie immer gegen die Nazis gewesen, so erklärt er das auch gleich: "Für uns Ingenieure waren die Voraussetzungen in jenen Jahren optimal, wir hatten ein freies Feld für Forschung und Entwicklung vor uns, wir konnten etwas schaffen und Erfolge feiern." (S. 187) Im Vordergrund stand immer die Sache - erst die Geschwindigkeits-Rekorde der Auto-Union, dann die V2-Raketen. Unbeteiligt und unsentimental breitet Paul Windisch sein Leben vor Andreas Mautner aus, und ebenso ungerührt scheint die Geschichte auch vom Zuhörer zur Kenntnis genommen zu werden. (Mautner, soviel sei nur verkürzt gesagt, ist neben den Silberpfeilen vor allem mit Beziehungsproblemen beschäftigt.) Wie in den Romanen "Morgen", "Die Werkstatt", "Der lange Brief" oder zuletzt "Ein Amateur" sind auch hier das Auto und die Motortechnik, das Rennfahren und der Geschwindigkeitsrausch mit Todesrisiko nicht nur ein zentrales Motiv, sondern auch ein wesentliches Mittel, die Figuren zu charakterisieren.

Auch diesen Roman hat Kappacher wieder im unmittelbaren Umkreis seiner Existenz in Salzburg angesiedelt, auch hier leiden die Protagonisten unter unbefriedigenden Lebens- bzw. Arbeitsverhältnissen. Neu ist bei den "Silberpfeilen" der politisch-historische Hintergrund, und den hat der Autor genau recherchiert - belegt durch Literaturhinweise am Ende des Bandes, die auf die Authentizität der Geschichte hinweisen. So der Titel "Elly Beinhorn: Mein Mann der Rennfahrer", Berlin 1938 - das ist die Lebensgeschichte des verunglückten Rennfahrers Bernd Rosemeyer, verfaßt von seiner Frau nach seinem Tod, wurde von Kappacher ebenso in die Arbeit am Roman einbezogen wie die Dokumentation "Nationalsozialistische Gewalt und Widerstand im Bezirk Vöcklabruck".

Auch wenn man sich nicht für Grand-Prix-Rennen oder die Geschichte des Motorsports begeistern kann - Kappacher hat mit den "Silberpfeilen" eine flüssige, spannende Geschichte geschrieben, die aus der Fülle der literarischen Zeitgeschichte-Bücher herausragt.
Über Zeit- und Assoziationssprünge hinweg beherrscht er souverän die Erzähltechniken, Rückblenden und abrupte Schnitte spiegeln die Zerrissenheit der Personen wider.
Die Nüchternheit und Emotionslosigkeit in den Erzählungen des Ingenieurs gepaart mit erschreckender Detailliertheit lassen das Grausame und das Bedrohliche der Technik und ihres Vernichtungspotentials eindringlich sichtbar werden. Daß dieses Thema mehr hergibt als die Silberpfeile, begreift zu guter Letzt auch der Motorsportjournalist, als er am Ende des Romans beschließt, Windischs Bericht über seine Zeit im Werk Schlier aufzuschreiben.

Kristina Pfoser
6. September 2000

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