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Michael Köhlmeier: Der traurige Blick in die Weite.

Geschichten von Heimatlosen.
Wien, München: Deuticke, 1999.
207 S., geb.; öS 291.-.
ISBN 3-216-30485-X.

Link zur Leseprobe

Michael Köhlmeier muß ein glücklicher Mensch sein. "Wie schwer fällt es mir, über das Schreiben nachzudenken! Wie leicht dagegen fällt mir das Schreiben selbst", erklärt er im Nachrichtenmagazin profil 1997 - keine Angst vor dem weißen Blatt, die Geschichten sprudeln.
Schon immer wollte Köhlmeier Geschichten erzählen, auch in der Zeit, als es noch verpönt war. Seine Kindheit ist gezeichnet von einer Familie, die nicht aufhören konnte, dem kleinen Jungen Geschichten ins Ohr zu träufeln: Erlebtes, Anekdotisches, Grimmsches...
"Erzählsüchtig" sind sie gewesen, die Großmutter, die Mutter, selbst der Vater. Jetzt ist die Reihe an ihm, jetzt ist seine Zeit gekommen, und glücklicherweise hat sich der Wind gedreht, ist es kein literarischer Fauxpas mehr, einfach eine Geschichten zu erzählen, eine Geschichte einfach zu erzählen. Der Autor ist natürlich auch älter geworden, das Selbstverständnis gewachsen; Erfolge haben sich eingestellt. Jetzt kann er erzählen - hemmungslos.
"Ja, du hast das Geheimnis gefunden." (S. 71)

Und in seinem neuesten Erzählband "Der traurige Blick in die Weite" tut er genau das. Aus allen Ecken und Enden strömen, drängen, fliegen Michael Köhlmeier die Geschichten zu, und er schreibt sie nieder. Manchmal stürzen sich die Geschichten schneller aufs Blatt, als es dem Autor lieb ist; als gings ihm wie dem berühmten Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr los wird, die er rief.

Eine Kindheitserinnerung an die Großmutter, die modernisierte Fassung des Grimmschen Märchen vom Joringel und der Jorinde, ein Vorarlberger Liedtext, Jack Buttermilch aus England und die Geschichte von Sochiti Loch und Kogolkin Pach drängen sich auf den ersten dreißig Seiten. Aus Spanien, Portugal, Schweden, Dänemark, Irland, Österreich und Luxemburg, um nur einige Länder zu nennen, aus Wartesälen, Sportcamps, Bars und Wiener Kaffeehäusern, aus dem Telefon, aus dem Zug, um nur einige Orte zu nennen, fliegen ihm die Geschichten zu; er findet sie bei den Roma, bei Fernfahrern, Pilgern, bei der Polizei. Michael Köhlmeier ist süchtig, stoffsüchtig.
"Ich war der Zuhörer." (S. 70)

Der Untertitel des Erzählbandes "Geschichten von Heimatlosen", hält die Sammlung nur lose zusammen. Bleibende Eindruck des Buches ist der rasante Wechsel von Märchenhaftem, Anekdotischem, Erinnertem. Die Großmutter in der Vorarlberger Küche verwandelt sich in eine Hexe; kaum hat man Zeit zu blinzeln, erfüllt sich das Schicksal für Daidalos, er tötet seinen Neffen Perdix und trauert um seinen Sohn Ikaros; einen Atemzug weiter muß bereits das Herz des Riesen gedrückt werden, um seine zu Stein gewordenen Gefangenen zu befreien; einen zweiten Atemzug weiter läßt Köhlmeier Bob Dylan gegen Bobby Fischer Schach spielen, während ein venezianischer Edelmann zu seiner qualvollen, imaginierten Reise nach Jerusalem aufbricht. Fast nebenher stirbt Hank Williams einsam im Fonds seines Wagens. Ein paar Geschichten weiter macht sich Kafkas Manuskript "Der Prozeß" nach seiner Versteigerung bei Sotheby's in einer ausrangierten Schultasche auf den Weg ins Literaturarchiv in Marbach am Neckar; usf.

Michael Köhlmeier ist ein gewiefter Erzähler, keine Geschichte gerät ihm daneben, die Pointen sitzen. Gelegentlich blitzt jedoch mehr auf, ist er mehr als der gewiefte Geschichtenerzähler, der alles und jedes zu einer Geschichte "machen" kann. Doch die Momente, in denen sich sein Talent in ein großes verwandelt, sind selten; zu flüchtig, zu disparat wirkt die vorliegende Textsammlung. Vor allem Köhlmeiers Märchennacherzählungen gewinnen durch saloppe Modernisierungen nicht an poetischer Kraft; zu vieles bleibt auch im Ankedotischen verhaftet (der Tod von Hank Williams, Bob Dylans Schachspiel gegen Bobby Fischer). In den Kindheitserinnerungen dagegen bricht manchmal etwas Wahrhaftiges auf - wie in "Rosenkranz und Radio": Michael Köhlmeier beschreibt darin seine Internatszeit und erinnert sich, wie er als zehnjähriger Junge im Krankenzimmer zum ersten Mal eine Geschichte als etwas Fiktives, Erfundenes erfährt und wie ihm zugleich beim (freiwilligen) Rosenkranz-Beten staunend bewußt wird, daß auch das Gebet Fiktion sein könnte, und wenn es so wäre, daß es kaum eine besser erzählte Geschichte geben kann ... Für ihn hat sich eine imaginäre Welt aufgetan und "wenn diese Welt aber erst einmal erfunden ist, dann braucht man sie nur noch nach Geschichten abzusuchen." (S. 71)

Anne M. Zauner
13. August 1999

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