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Daniel Kehlmann: Mahlers Zeit.

Roman.
Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1999.
160 S., geb.; DM 29,80.
ISBN 3-518-41078-4.

Link zur Leseprobe

Zeitgerecht vor dem Jahreswechsel 1999/2000 wurde uns mit Daniel Kehlmanns jüngstem Werk ein weiterer Versuch über die Relativität der Zeit vorgelegt. Während jedoch alle Welt in Millenniums-Fieberhitze von einem neuen Jahrtausend phantasiert, im Kino Arnold Schwarzenegger am "Ende der Tage" actionreich mit dem Teufel kämpft oder Roman Polanski gleich "Neun Pforten" in neue Erfahrungsdimensionen öffnet, variiert Kehlmann das Thema des alten, bereits von Platon geträumten Traums einer Wirklichkeit ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (vgl. S. 106) auf dem unspektakulär engen Raum von 160 Buchseiten.

David Mahler, Protagonist der Geschichte und seines Zeichens Physiker, glaubt, jene entscheidenden vier Formeln gefunden zu haben, die den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft zu setzen vermögen. Dabei steht nichts Geringeres auf dem Spiel als "die Richtung aller Entwicklungen in der Welt. Das ist die Zeit." Denn: "Sieh mal: Ein warmer Körper wird von selbst kälter. Aber wenn du ihn erwärmen willst, mußt du ihm Energie zuführen. So ist es immer. Ordnung kostet Energie, Unordnung bekommst du von selbst; und im System als Ganzem wächst immer die Unordnung." (S. 30f.) Das stelle sich nach Mahlers Theorie nun völlig anders dar; und um das bisher gültige Weltbild in seinen Grundfesten zu erschüttern, seien nur ein "paar Aufbauten in einem Labor" vonnöten. "Man würde es in Gang setzen, und es würde sich ausbreiten wie Wellen im Wasser. Die Zeit würde unscharf werden. Weißt du, wir glauben immer, die physische Welt ist so sicher, so fest und durchgeplant. Und die Gesetze sind so verläßlich. Aber das stimmt nicht. Das ist alles sehr zerbrechlich. Sehr leicht zu beschädigen." (S. 108)

Paradoxerweise entspinnt sich im Folgenden ein grotesker Wettlauf zwischen dem etwas dickleibigen Rechenkünstler, der auch an einer Herzschwäche leidet, und der eigenen Vergänglichkeit, der er doch/noch nicht entrinnen kann. Dazu kommt, dass Mahler sich von unheimlichen Mächten verfolgt und bedroht fühlt, die im Dienste der Aufrechterhaltung des Status quo in der Schöpfung zu stehen scheinen und Verstöße gegen die herrschenden Naturgegebenheiten ahnden.

Kehlmann führt seine Leser in ein suggestives, stilistisch reizvolles und dramaturgisch spannend gestaltetes Gebilde aus Sprache, verschachtelten Geschehnisebenen, fantastischen Visionen und Denkexperimenten. Sinnliche Wahrnehmungen, die keiner Realitätsbestätigung mehr dienen, fließen ineinander. Je näher sich Mahler am zunehmend mit Trotz und Panik angestrebten Ziel, dem verehrten Nobelpreisträger Boris Valentinov seine Entdeckungen persönlich vorzutragen, befindet, desto lächerlicher mutet seine ganze Handlungsweise an. Arbeitskollegen und Freunde, die Geliebte und der vorgesetzte Universitätsprofessor fühlen sich veranlaßt, auf Distanz zu Mahler zu gehen, bis er schließlich am eigenen Leibe die sprichwörtliche Einsamkeit eines Genies erfahren muß.

Da das Unterfangen eines Erzählers von der Fähigkeit zur temporalen und kausalen, zugleich selektiven und kontinuitätsheischenden Fügung von Ereignissen abhängt, betrifft "Mahlers Zeit" nicht nur das Thema des Romans, sondern auch dessen Form. Was aber Mahler, dem Naturwissenschaftler, letztlich versagt bleibt - nämlich dem allgemeinen Verfall eine konstruktive Kraft entgegenzusetzen -, gesteht Kehlmann sich, dem Poeten, zu. Indem er gerade unklar bleiben läßt, ob das Ganze eine Art Science-Fiction-Thriller oder das Psychopathogramm eines Kleinbürgers ist, gelingt ihm in kunstvoller Gegenläufigkeit die Doppel-Inszenierung des Untergang seines Helden und der Apotheose seiner Erzählung. Mit Hilfe eines kompakten, äußerst diszipliniert aufgebauten und durchgehaltenen Motiv- und Schreibverfahrens, das eine Aufhebung jeglicher Dichotomie von Innen- und Außenwelt erlaubt, begibt sich Kehlmann aller Ansprüche auf literarischen Avantgardismus im herkömmlichen Sinn. Er hat in diesem Sinne (und zum Ärger mancher Kritiker?) wohl schon wieder eine postmoderne Meistererzählung verfaßt. Zeitlos schön.

Arno Rußegger
7. Dezember 1999

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