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Leseprobe: Edith Kneifl - "Allein in der Nacht."

2

"Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes von Wassern oberhalb des Gewölbes Himmel.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen: zweiter Tag."

Am Gang ist es stockfinster, in der Wohnung ebenfalls. Es herrscht vollkommene Stille.
Plötlich klopft es an ihrer Wohnungstür.
"Mach auf, ich weiß, daß du zu Hause bist!"
Sie zuckt zusammen.
Die Stimme erscheint ihr seltsam vertraut.
Das Klopfen wird lauter. Gleichzeitig rüttelt jemand heftig am Türknauf.
Sie preßt ihr vom vielen Weinen verschwollenes Gesicht an die Tür und schluchzt leise. Die Finger ihrer rechten Hand umklammern zitternd Walthers Revolver.
"Ich bin es, mach auf."
Sie öffnet nicht.
"Aufmachen, habe ich gesagt!"
Langsam, fast wie in Zeitlupe, dreht sie den Türknauf nach rechts, reißt die Tür auf und drückt ab. Auch als sich längst keine Kugel mehr im Lauf befindet, betätigt sie mit geschlossenen Augen und verkrampften Fingern immer wieder den Abzug des Revolvers.
Ein paar Sekunden später fällt ihr ein schwerer Körper in die Arme, reißt sie mit sich zu Boden.
Sein Bauch liegt schwer auf ihrer Brust. Sein Oberkörper preßt sich auf ihr Gesicht, droht sie zu ersticken.
Sie wälzt den steifen Klotz zur Seite, springt auf und macht Licht an.
Vor ihren Füßen liegt ein Mann, Brustkorb und Bauch zerfetzt durch mehrere Kugeln. - Aus dieser Nähe verfehlt nicht einmal sie ihr Ziel.
Das Licht geht aus. Finsternis. Und plötzlich Scheinwerferlicht
Der totgeglaubte Mann rafft sich vom Boden auf, taumelt mit offener Brust und blutendem Bauch auf sie zu. Seine Gedärme quellen aus den Wunden. Würmer fressen sich durch seine Nervenstränge, strecken ihre Köpfchen vorwitzig heraus und tummeln sich in seinem offenen Leib, wie fette Maden im Speck.
Ihr graut. Sie schreit, schreit laut um Hilfe. Doch kein Ton kommt über ihre Lippen.
Der zuckende Körper stürzt wieder auf sie, wirft sie ein zweites Mal um.
"Vera, ich lie...be..." Sein Gestammel wird durch ihren gellenden Schrei übertönt. Und dieses Mal ist ihr Schrei hörbar.
Er stirbt in ihren Armen. Ein letzter Blick aus seinen schönen dunklen Augen. Er ist tot.
Simons Gesicht verschmilzt mit Walthers Zügen, und plötzlich starrt sie Herr Gauswanger mit den Augen eines Toten an.
Vera erwacht schreiend. (S. 45f.)

© 1999, Diana, München, Zürich.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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