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Leseprobe: Leopold Kompert - "Die Kinder des Randars."

An Sonn- und Feiertagen, oder wenn es sonst Ferien gab, liebten es die beiden, nach einer nahen Ruine, "die Buttna" genannt, zu wandern. Die alte Burg hatte eine besondere Anziehungskraft für sie, weil Ziska darüber als Racheengel gefahren war. Dort saßen sie stundenlang, ließen den Mond über sich leuchten und glaubten die Geister der Toten aus den zerborstenen Wänden hervorquellen zu sehen.
Wir belauschen eins von den vielen Gesprächen, die auf der "Buttna" gehalten wurden.
"Denk dir, Moritz", sprach Honza, nachdem er einen stummen Blick über das ihm zu Füßen liegende Land geworfen hatte, "denk dir, wie schön das wäre, wenn in Böhmen alles e i n e Sprache reden würde! Du kommst in ein Dorf, da reden dich die Leute überall deutsch an, du kommst in ein andres, da reden sie wieder böhmisch."
"Wie beim Turmbau von Babel," bemerkte Moritz. "Hat der eine Ziegel begehrt, so hat man ihm Kalk gebracht. Sie haben sich nicht mehr gekannt; da sind sie auseinander gegangen, weil sie sich nicht mehr verstanden."
"Aber sie sind nicht als V ö l k e r fortgegangen, weil es noch keine gab, und wenn man das noch hundertmal sagt, so glaub' ich's nicht, sondern als Sprachen. Die Leute, die zufällig fanden, daß sich ihre Wörter glichen, hielten sich zusammen, und da haben sie erst ein Volk ausgemacht, weil sie auch e i n e Sprache geredet haben. Und wer einen Vater und eine Mutter hatte und sie nicht verstand, der verließ sie und zog lieber mit den andern, mit denen er reden konnte."
"Ich kann mir's kaum denken, Honza", sagte der sinnende Moritz, "wie einer Vater und Mutter verlassen kann."
"Wenn sie dich aber nicht verstehen?" rief Honza eifrig. "Was willst du tun, wenn du deiner Mutter etwas Liebes sagst und sie meint, du habest ihr geflucht?"
"Honza, wie kannst du nur so reden", schrie Moritz, "einer Mutter fluchen?"
"Ist Böhmen nicht unsre Mutter?" rief der hussitische Honza. "Hat sie nicht Tausende von Kindern, die sie gar nicht verstehen? Die sollten fort von ihr, nur die echten, treuen, denen sie nicht zu fluchen braucht, dürfen bei ihr bleiben! Das hat der Ziska wohl gefühlt, Moritz, und darum hat er so gewettert."
Moritz lauschte mit Schauern im Herzen den wilden Reden Honzas. Er fragte ihn nicht; aber tiefinnerst sprach er zu sich: "Sind die Juden damit auch gemeint?" Er fand im Augenblick keine Lösung der Frage. (S. 66f.)

(c) 1998, Alekto, Klagenfurt.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

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