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Leseprobe: Horst Karasek - "Rasend das Herz"

Beschleunige ich das Mofa, weht es kühler um Stirn und Schläfen; und ich kann die Brise gebrauchen mit dem hohen Atem, der mich nachts nur eine Stunde oder eineinviertel schlafen läßt; dann sitze ich wieder auf der Bettkante und kann von Glück sagen, wenn das verkalkte Herz nicht fast und ich im Kreis spring oder hinaus aus dem Fenster. Oder Schleim die Bronchien verklebt, daß ich glaub, ersticken zu müssen.
Mit dem ersten Atem hat mich das Leben wieder. Aber das Husten, Spucken und Atemholen dauert trotz Kortisonspray meist ebenso lang, ja länger, als ich zuvor geschlafen habe, mit beklemmter Brust. Nacht für Nacht und noch den halben Vormittag huste ich; was für eine Wohltat, Erfrischung - der Fahrtwind!
Bis auf 70 kann ich aufdrehen. Talabwärts beschleunigt das Mofa noch mehr. Da freu ich mich auf jede Schußfahrt.

Es ist nicht mein erstes Mofa, dieses Mobylette von Renault. Aber es ist bei weitem das schnellste, macht gut und gern 70 Stundenkilometer, ohne frisiert zu sein. Und es ist poppig lackiert, pink und lila mit gelben Blitzen. Der Tank faßt 2 1/2, 3 Liter Melange, genug, um viereinhalb, fünf Stunden unterwegs zu sein, und das ist gerade die Zeit zwischen zwei Bauchfelldialysen. Mit einer Bauch- und einer Tankfüllung schaff ich rund siebzig Kilometer im Umkreis.
Sainte Vertu ist mein Materialdepot, von dem aus ich meine Vorstöße unternehme. Dort lagert in 2-Liter-Beuteln das Dialysat, eine Art Zuckerwasser, das ich mittels eines Katheders ins Bauchfell einlaufen lasse; dort findet zwischen vergiftetem Blut und dem Zuckerwasser eine Osmose statt, die mich von den Schlacken befreit und vom unausgeschiedenen Wasser. (S. 21f.)

Leg ich meinen linken Fistel- und Schandarm, wo Arterie und Vene für die Blutwäsche zusammengenäht sind, ans rechte Ohr, kann ich Meeresrauschen hören. Der Arm unterm Kissen schläfert mich manchmal ein, läßt mich einige Wellenschläge lang eintauchen in einen Ozean des Vergessens bis ... ja, bis mein rasender Pulsschlag mich wieder zurückholt in die Sterblichkeit.
Und in der Arktis? Mit dem zufrierenden Meer würde der Puls schwächer und schwächer, träger das Blut, schließlich würde es stocken, das Herz kaum mehr schlagen, Eis wüchse mir um die Brust, stetig enger zögen sich die Ringe: bis endlich der Atem zu einem letzten spitzen Schrei gefröre.
Ja, Atem und Puls würden gefrieren, jede Empfindung, der Schmerz würde gefrieren, ich aber würde bald nie mehr frieren. Und dann gab es noch den absoluten Gefrierpunkt, wo man nicht mehr litt, nicht an der Welt und auch nicht an sich. Wo ein jedes Leben erstarb, gar die Moleküle nicht mehr wimmelten oder sich regten. Wo des Menschen Fleisch und Knochen wie Glas zersprangen, in abertausend winzige, glitzernde Splitter. Die, mit Lichtgeschwindigkeit ins All geschleudert, sich irgendwo auflösten in der Unendlichkeit von Raum und Zeit. Wo alles Sein endlich sein Ende hätte, sogar die Schmerzen würden aufhören zu existieren.
War nicht der Tod die Abwesenheit von allem bisher Dagewesenen, von jedwedem Gefühl und jedwelcher Freude oder Empfindung, also auch Abwesenheit von Schmerz und Leid? Sicherlich gab es zuvor noch Abstufungen von Empfindungen und Schmerzen, das Schwarzwerden der Finger und Zehen zum Beispiel. An meinem linken Fuß hatte ich mitansehen müssen, wie das Fleisch schwarz wie Kohle geworden war, und die Knöchelchen schwarz wie Streichhölzer. Andererseits hatte ich bei Christian Andersen vom erfrierenden Zündholzmädchen gelesen oder von Nordpolfahrern, die von märchenhaften Tagträumen ins Jenseits getragen worden seien. Und für dieses Hinwegdämmern hatten schon 20, 30 Grad minus genügt, wie überwältigend mußte erst der absolute Gefrierpunkt sein. Vielleicht genügte aber ein einziger Wettersturz - und das Land ginge unter in einer Sintflut. Ein Schwarzes Loch - und das All löste sich in Nichts auf. (S. 94ff.)

(c) 1998, Luchterhand Literaturverlag, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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