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Marie-Thérèse Kerschbaumer: bilder immermehr.

gedichte (1964-1987).
Salzburg, Wien: Otto Müller, 1997.
118 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-7013-0958-2.

Link zur Leseprobe

Die postmodernen Triumphe der Bildungsdichtung mögen Marie-Thérèse Kerschbaumer ermutigt haben, diese zu einem guten Teil aus der Zeit ihrer literarischen Anfänge stammenden Gedichte jetzt zu veröffentlichen. Sie sind in der Tat heute weniger befremdend, als sie es für die, an Brecht und Heißenbüttel gewohnten, allem Kulinarischen abholden LeserInnen der sechziger und siebziger Jahre gewesen wären. Das (obendrein damals durch den Titel eines trivialen historischen Romans diskreditierte) Wort "Amber" in einem Gedicht, obendrein dem ersten des Bandes, hätte die Dichterin der Lächerlichkeit preisgegeben.
Heute bewundern wir, bewundert zumindest der Rezensent die Kühnheit einer Lyrikerin, die mit so luxuriösem Sprachmaterial gegen das damalige Gebot der Kargheit verstoßen hat und immer noch verstößt - und genießt die schönen und unverhohlen schön sein wollenden Gedichte dieses Buches, die doch nicht in Unkenntnis der in der jüngeren deutschen Literatur dominanten Lyriktraditionen, sondern bewußt gegen diese Strömungen geschrieben sind, wohl auch bestimmt durch Marie-Thérèse Kerschbaumers Kenntnis der weniger kargen romanischen Traditionen. Sie zeigt ihren Deutsch schreibenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, daß in der deutschen Lyrik sehr viel möglich ist - was man sich nicht mehr getraut hat, für möglich zu halten.

Mit postmoderner Bildungsdichtung sind diese Verse im übrigen keineswegs zu verwechseln; sie lassen keinen Zweifel daran, daß sie ganz existenzielle Erfahrungen, auch existenzielle politische Erfahrungen gestalten.

"tiroler winter" (S. 77), datiert 1978, ist ein politisches Gedicht, über den 'kleinen' Widerstand gegen den Nationalsozialismus: ein Kind schenkt einem kriegsgefangenen Schneeschaufler Handschuhe. Der erste und letzte Teil des dreiteiligen Gedichts verwendet Kurzzeilen, der mittlere beschreibt, besser: evoziert in episch anmutenden Langversen sowohl die Situation der gefährdeten Zwangsarbeiter als auch, in mehreren Variationen, die "graugrünen fäustlinge winters mit braunem leder besetzt", verwendet auch sonst manches Kunstmittel älterer Verskunst ("eilig und eifrig", "geschützt"/"schaufel"/"schnee"/"schuhe"). Die knappen Schlußzeilen "widerstand / ist möglich" erfahren durch den Kontrast zum sprachlich üppigen Mittelteil eine ungeheure Steigerung. (Bei einigen wenigen politischen Gedichten, etwa den "briefen einer gefangenen", kann ich mich freilich des Eindrucks nicht erwehren, daß Kerschbaumers berechtigte Empörung ihre formale Sicherheit überwältigt hat.)

Altes 'poetisches' Wortmaterial und neues Verfahren der Verknappung treten schon im ersten Gedicht (von 1966) des Buches in ein höchst produktives Spannungsverhältnis, zu dem noch die Orthografie beiträgt; es lautet: "der geliebte fährt nach cairo, / seine haare duften amber". Der Kontrast zwischen dem alltagssprachlichen Satzbau des ersten und dem 'poetischen' des zweiten spiegelt die Spannung zwischen Tradition und Moderne, die dieses Gedicht und mit ihm die ganze Gedichtsammlung kennzeichnet.

Freude an Farben und Bildern prägt zumal die vielen Liebesgedichte. Die Dichterin (und der Leser) schwelgt in Bildungsreminiszenzen: Reisen, bildende Kunst, das Märchen, die Bibel, die Sonettform, Anklänge an Rilke, Trakl und Else Lasker-Schüler, Walther- und selbst Uhland-Zitate, und immer wieder das nicht-alltägliche Wort. Im "sinnkrautfest" dieser Verse wird bewußt, wie sehr lyrisches Sprechen anderes Sprechen ist, wie festlich lyrisches Sprechen sein kann.

Kerschbaumers knappe Absage an unpolitische Lyrik ("zur neuen innerlichkeit") ist hervorzuheben; denn wüßte man nicht, daß in dieser Vielfalt der Formen auch sie ihren Platz hat, liefe man Gefahr, die Dichterin mißzuverstehen.

"bilder immermehr" hat viele Gesichter; es ist faszinierend, wie Marie-Thérèse Kerschbaumer die Tradition der 'Poesie' und eine dezidiert modern bleibende Position des 'Textes' integriert, wie Altes nicht wiederbelebt wird, sondern lebt, im einzelnen Gedicht wie im Ganzen des Buches. Es ist wahrscheinlich gut, daß diese Verse erst jetzt gesammelt erscheinen: erst nach den antikulinarischen Jahrzehnten sind wir in der Lage zu erkennen, daß dieser Umgang mit Sprache - den wir allenfalls bei Artmann zu tolerieren bereit gewesen sind - alles eher als epigonal ist, sind wir fähig, diese Verse zu genießen.

Sigurd Paul Scheichl
21. Jänner 1998

 

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