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Leseprobe: Leopold Kompert - "Der Dorfgeher."

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Da kommt mir gerade so ein sonnigvergoldetes Gesicht in den Weg! Ich kenne und grüße dich, Jaikew Lederer, und möchte dir gerne 'Salem Alechem' zurufen, wüßte ich nicht, daß der Friede schon in deinem Herzen ist! Die ganze Woche hat er sich auf den Märkten herumgetrieben, und mit schlechtem böhmischen Accent sein: laczini, laczini (wohlfeil) geschrien, die Elle hat in seiner Hand geklappert, und vielleicht hat er doch nichts 'gelöst'. Aber heute ist er zu Hause geblieben und der Cholemoed findet kein gläubigeres, ihn tiefer ehrendes Gemüth als das gehetzte Menschendasein unseres Jaikew Lederer!
Wie er da geht mit den nachlässig ineinanderschlenkernden Händen auf dem Rücken, ein 'Jontefliedel' vor sich hin murmelnd, das der Vorsänger gestern zum ersten Male in der Synagoge angestimmt, auf seinem Haupte den wohlausgebürsteten Sabbathut, und auf dem Leibe den alten auf so vielen Dorfwanderungen erprobten, etwas fadenscheinigen Rock, über den jedoch ein weißes Halstuch die milde Poesie des Feiertags herableuchtet, mit diesem lächelnden, auseinandergefalteten, ruhig sichern Antzlitz - ist Jaikew Lederer nicht der leibhaftige Cholemoed selber?
Wahrhaftig jenes alte Mütterchen, das dort an der großen Stiege einen Detailhandel mit schimmeligem Käse und runzligen Citronenschalen treibt, hat uns ganz aus der Seele gesprochen, wenn sie dem Vorbeischreitenden zuruft: Gehst du heut' nicht auf'm Dorf, Jaikew? weil wir zugleich wußten, welche Antwort ihr der geben werde.
"Wo fallt ihr aus, Muhm Eitel?" sagt er, "heut' auf'm Dorf gehen!! Soll denn der Bauer das ganze Jahr kein Ruh' vor mir haben? Oder soll nur der reiche Schmul Brandeis bei Weib und Kind daheim bleiben können und Küchel* essen, und ich Jaikew Lederer mit dem Pack herumlaufen, weil ihm Gott ein paar 'Pehm'** mehr bescheert hat, als mir? Heut' ist Cholemoed und mich bringt kein Mensch aus der Kille (Gemeinde) fort!"
Damit schreitet er weiter und das Jontefliedel auf seinen Lippen, das er wieder angestimmt hat, verhallt in dem muntern Getöse des Ghetto's.

* Eine Art jüdisches Festtagsgebäcke.
** 'Pehm' statt Böhmen, wie man die Groschen noch jetzt nennt. (S. 6f.)

(c) 1997 Wallstein Verlag, Göttingen.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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