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Alois Brandstetter: Schönschreiben.

Erzählung.
Salzburg, Wien: Residenz, 1997.
162 S., geb.; öS 268.-.
ISBN 3-7017-1003-1.

Link zur Leseprobe

Der Lehrer und spätere Universitätsprofessor für Deutsche Philologie, Alois Brandstetter, widmet sich hier offensichtlich einem seiner Lieblingsthemen, das darüberhinaus seiner Tätigkeit als Schriftsteller wesentlich zugrunde liegt: dem Schreiben, insbesondere aber dem "Schönschreiben".

Man mag diese jahrtausende alte Äußerungsform der Menschheit graphologisch oder sonstwie auffassen und betrachten, in den Augen Brandstetters - und diese Meinung teilt er wohl mit den meisten Schriftforschern - ist der Akt des Schreibens und somit die Schrift an und für sich bewußtseinsprägend.

Die Tradition, der Jugend "Schönschreiben" im Schulunterricht näherzubringen, ist längst auch schon in ländlichen Gebieten dem technologischen Orkan zum Opfer gefallen.
Der Kulturkritiker Brandstetter schlüpft immer mehr in die Rolle des Kulturpessimisten, der vor allem in seiner eigenen Familie die - für ihn - haarsträubende Zurücknahme einer Ästhetik des Schreibens zugunsten der vor allem von der heranwachsenden Jugend vergötterten und praktizierten Textverarbeitung in Auflösung begriffen sieht.

Seine Leidenschaft gilt der historischen Betrachtung der Schriftentwicklung und ihren damit einhergehenden charakteristischen Veränderungen. Als Altphilologe verweist er auf die Ursprünge der deutschen Schrift innerhalb frühmittelalterlicher Herrschaft und Kultur. Von Alkuin und Einhard - den beiden bedeutendsten Beratern am Hofe Karls des Großen, ist da die Rede. Letzterer berichtete von Karl dem Großen, dem man unter anderem auch Analphabetentum nachgesagt haben soll, daß er "immer eine Tafel beim Bett gehabt und daß er vor dem Einschlafen Schreibübungen unternommen habe. Seine Hand habe sich aber an das Schreiben nicht mehr richtig gewöhnen können, weil er damit zu spät begonnen habe. Was Karli nicht lernt, lernt Karl nimmermehr. Was gäbe man darum, wenn man vom Tafelklaßler Karl ein Photo oder einen Film hätte! Karl der Große in seinem Aachener Bett, im Nachtgewand, an Kissen gelehnt und auf einer Tafel schreibend, sich abplagend mit dem Griffel!"

Ähliche humorvolle Seitenhiebe schleichen sich immer wieder ein, wenn Brandstetter die Untugenden unserer technologieergebenen Zeit auf die Schaufel nimmt, stets betonend bzw. sich entschuldigend, daß es sich bei seiner Person um eine durchaus "konservative" handle.

Da kommt man nicht herum um Attacken gegen die Papierverschwendungssucht der heutigen Gesellschaft, um den lieblosen oder überhaupt fehlenden Umgang mit Typografie und Kalligrafie. Die Automatisierung durch den PC führe zwar zu einer scheinbar endlosen Auswahl von Möglichkeiten, beraube jedoch das Kind des ausgehenden 20. Jahrhunderts des Wissens um die sinnlichen Eigenschaften und Qualitäten von Schrift und Schreiben.

Brandstetter wechselt den gesamten Text hindurch immer wieder zwischen historischen Ausflügen, etwa in die mittelalterliche Buch- und Schreibkunst, und autobiografisch gefärbten, persönlichen Statements. Gäbe es da nicht die starke Tendenz zu einer eigentümlich anmutenden oberlehrerhaften Haltung, so wäre diese Abhandlung über die Grablegung einer langen Tradition ein erfrischender Beitrag eines wahrhaft Betroffenen.

Claudia Holly
26. April 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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