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Irmgard Löschner: Abwandlung von Blau.

Texte und Grafiken.
Aspach, Wien, Meran: Edition Innsalz 2006.
124 S.; gebunden, Eur 18,-.
ISBN 3-900050-76-7.

Link zur Leseprobe

In einem knappen Prolog führt die Autorin in die Konzeption ihres Bandes ein, der die Wandelbarkeit der Seele und des Wassers in ihrer bildhaften Verwandtschaft beschwört und in zahllosen lyrischen Anläufen variiert. Stark stilisierte Grafiken der Dichterin verstärken den poetischen Impuls und entführen die Leserschaft in eine introvertierte Natur, die jenseits menschlicher Intervention in geschichtsloser Unschuld schlummert.

Abwandlung von Blau umfasst die Kapitel "fluss", "see" und "meer" und zeigt in statischen, dann wieder dynamischen Bildern den Weg des Wassers vom Tropfen ins Meer. Dabei wechseln die Aggregatzustände, werden Hindernisse überwunden, kommt es zum langsamen Abdriften und Verströmen im Meer.

Die See als Mutterarchetyp par excellence vollendet lediglich, was die Metaphorik vorangegangener Verse behutsam vorbereitet: die Anrufung des weiblichen Elements in pastoralen Stimmungsbildern, wo Fauna, Flora und unbelebte Natur gemäß einer inhärenten Ordnung harmonisch koexistieren.

Wer genau hinhört, verspürt Anflüge von Erotik, nimmt Verschmelzungsphantasien eines unbekannten "wir" wahr, dem es beschieden ist, lediglich "unvollendete Teile/eines nicht erreichbaren/Ganzen" zu bleiben. Dennoch zählt der andere, zahlt sich das Vertrauen in ihn und die tragende Kraft des Begehrens aus, wie das Gedicht "steuerloses Boot" deutlich macht: "in ein Meer bis zum/Horizont steigen wir/und kehren kurzen/Schwimmens zurück".

Diese Belege einer auf das Du abzielenden Lyrik sollen indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass menschliche Präsenz aus Löschners Naturbeschreibungen fast zur Gänze getilgt ist. Hier gibt es kein lyrisches Ich mehr, das selig staunend von Wind, Wiese und Baum berichtet. Vielmehr verschwindet der Betrachter und wird, um es mit Schopenhauer zu sagen, reines Weltauge, das sich allem Wollen entfremdet. Das Ego erlischt folglich und geht auf im radikal Anderen der Natur, das nicht mehr befragt und ergründet wird. Die Erde liegt da als offenes Buch, dechiffriert, weil ohne Chiffre, notdürftig mit Metaphern bekleidet oder anthropomorph, wenn sie etwa tanzt und den Mond Federn sammeln lässt.

Löschners Lyrik zeichnet sich durch kühne Analogien und den beharrlichen Blick auf Motive aus, die oft erst hinter der Linse des Makroobjektivs voll zur Geltung kommen. Lang muss die Dichterin auf der Lauer gelegen sein, bis aus Tränen, Regen, Wogen endlich dieses Blau- und Wasserbuch entstanden ist. Aber die Geduld hat sich gelohnt, und schon beginnt diese unaufdringliche Dichtung, in uns Wurzeln zu schlagen, wie jene lyrische Miniatur ahnungsvoll suggeriert: "See/Rosen/ankern".

 

Walter Wagner
13. Dezember 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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