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Lisa Lercher: Die Mutprobe.

Kriminalroman.
Wien: Milena Verlag, 2006.
220 S.; brosch.; Eur 12,-.
ISBN 3-85286-146-2.

Link zur Leseprobe

Kindesmissbrauch. Was für ein Vorwurf. Kaum auszudenken, geschweige denn auszusprechen. Zumal sein Sohn ja Anwalt ist. Und die Leute. Wenn die einmal anfangen zu reden, dann ist es aus. Dann kommt die Klage. Wegen Ehrenbeleidigung. Wenn da nichts dran ist, dann könnt ihr euch alle im Ort nicht mehr sehen lassen. Apropos: habt ihr Beweise?

Lisa Lercher hat sich in ihrem vierten und jüngsten Krimi "Die Mutprobe" sensibler Themen angenommen. Im Mittelpunkt des Romans steht nicht nur Kindesmissbrauch, sondern auch das labile gesellschaftliche Gleichgewicht einer Dorfgemeinschaft mit ihrem vielfältigen, verzahnten Bindungs- und Beziehungsgeflecht, das weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht. Und außerdem die Bewältigung persönlicher Vergangenheit, die ganz private Zeitgeschichte als emotionaler Hürdenlauf.

Erzählt wird konventionell - und durchaus spannend: ein Prolog verweist recht kryptisch auf Dinge, die da kommen mögen - später vor dem Leser allmählich und scheibchenweise aufgedeckt.
Die Protagonistin Sabine hat sich entschlossen, ein Klassentreffen zu besuchen, um mit sich selbst und ihren Erinnerungen ins Reine zu kommen. Sie hat die Schauplätze ihrer Kindheit über Jahrzehnte gemieden, warum, erfahren wir später. In der Luft liegt die übliche Gruppenspannung, die teils daher rührt, dass alle irgendwie einen guten Eindruck hinterlassen wollen, dies aber keinesfalls zugeben und sich angesichts ihrer (zwar gealterten) MitschülerInnen manchmal doch wieder so klein und unsicher fühlen wie anno dazumal.

Lisa Lercher heftet ihren erzählerischen Blick immer wieder auf Details, was die Handlung von Anfang an lebendig werden lässt, auch wenn manches - zumindest anfangs - vorhersehbar scheint, etwa der Umstand, dass das vermeintliche Idyll dieses Wirtshaustreffens alsbald unterbrochen wird. Ein Kind ist verschwunden, stellt sich heraus. Und die ganze Dorfgemeinschaft beteiligt sich an der Suche. Eine Solidaritätserklärung sondergleichen. Auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass nicht alle es ganz ehrlich meinen.

Sabine kann sich der Entwicklung der Ereignisse nicht entziehen. Ihr Gewissen lässt sie nicht in ihren geplanten Wellness-Kurzurlaub verschwinden. Sie kann und will nicht davonlaufen. Nicht mehr. Denn sie fühlt, dass dieses verschwundene Kind etwas mit ihr zu tun haben könnte. Mit ihrer Vergangenheit. Und mit dem Herrn Oberstudienrat, einem - natürlich - angesehenen Mitglied der Gemeinde.
Die Auseinandersetzung mit der Suche und ihren möglichen Ursachen und Hintergründen gerät für Sabine zusehends zur Mutprobe. Sie reißt sich zusammen, um Dinge auszusprechen, die so lange in ihr schlummerten, erst zaghaft und durch die Blume, dann immer direkter. Die Zeit für Konfrontationen ist gekommen.

Und der Kinderschänder wars und wird verhaftet. Nein. So wars nicht. So einfach macht uns Lisa Lercher die Sache nicht. Einerseits gibt sie der Handlung immer wieder Schwung durch den einen oder anderen unerwarteten Schwenk. Und zweitens ist Sabines Bewährungsprobe nicht die einzige Mutprobe, die hier außer Kontrolle gerät. Und drittens weiß man nie, was der Zufall noch so alles bringt. Auch wenn der Zufall hier Lisa Lercher heißt und alles andere als zufällig agiert.

Gleichzeitig ungleichzeitig kommen noch ein paar kleine und größere Überraschungen ans Licht, eindimensional wird es nicht. Und dass am Ende einiges offen bleibt und bleiben muss, ist ausnahmsweise gar nicht unbefriedigend. Alles andere wäre vielleicht naiv. Oder klischeehaft. Damit geben wir uns nicht ab. Und Lisa Lercher auch nicht.

Fazit: Wieder ein Krimi zum Verschlingen. Guten Appetit!

 

Sabine Dengscherz
13. Dezember 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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