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Leseprobe: Peter Landerl - "Dunkle Gestalten"

"Zartbesaitete Naturen"

Auch ein Leserbriefschreiber der Presse hegt ähnliche Befürchtungen:
"Wir haben jetzt allen Anlaß, von unserer Regierung zu verlangen, daß in Österreich für schwerste Verbrechen die Todesstrafe wiedereingeführt wird. Es gibt eine führende Gruppe zartbesaiteter Naturen, die sich einbilden, in Kultur zu machen, wenn sie sich gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe sträuben. Trotzdem bin ich überzeugt, daß die überwiegende Mehrheit unseres Volkes nach den Erfahrungen der letzten Jahre die schleunigste Wiedereinführung verlangt. (...)

1.Für die ärgsten Kapitalverbrechen darf es als Abschreckung nur die schwerste Strafe, die Strafe des Todes, geben. (...)
2.Die Angehörigen eines Mordopfers werden niemals die Überzeugung von einer "gerechten Sühne" empfinden, wenn ein zynischer Mörder auf Staatskosten bis an sein seliges Ende oder bis zu seiner Begnadigung verpflegt und behütet wird.
3.Wie kommt der Steuerträger dazu, solche Bestien mit seinen Spargroschen zu füttern, solange es redliche, arbeitende Menschen gibt, die in Armut leben. (...) Schließlich gibt es die Todesstrafe in England und in Amerika, und wir werden nicht so lächerlich sein, diesen Ländern die gleiche Kulturhöhe absprechen zu wollen."

Beschreibungen

Folgende Eigenschaften Engleders, die Nachbarn und Bekannte ihm zuschrieben, fand ich in den Zeitungen: verschlossen, belesen, einzelgängerisch, unauffällig, still, mundfertig, redegewandt, bildungshungrig, schlau, intelligent, überlegt, schmächtig, unscheinbar, geschickt, handfertig, eitel, geltungsbedürftig, geltungssüchtig, jähzornig, schwerhörig. Wo versteckt sich hier der Mörder: Im Jähzorn? In der Geltungssucht? In der Eitelkeit? Was macht den Mörder aus? Der Täter Engleder ist nur ein Teil der Person Engleder.

Vögel zogen vorbei, als wir in Saverne am Canal du Rhin au Marne entlang spazierten, sie kamen von den Vogesen her, ein großer dunkler Schwarm, der zerfiel und sich wieder formierte. Einige Vögel blieben zurück, rissen aus, kehrten aber wieder in den Schwarm zurück, immer ging es weiter, ohne dass ersichtlich gewesen wäre, nach welchen Gesetzen das funktionierte. Jakob hatte von einem jüdischen Friedhof in Saverne gelesen, der in einem Wald in der Nähe des Kanals liegen sollte, in den Karten aber nicht eingezeichnet war. Wir gingen von der Schleuse im Ortszentrum den Kanal entlang in westliche Richtung, bogen nach einigen hundert Metern nach links ab in den Wald, kamen an einigen zum Teil verfallenen Villen vorbei, bogen rechts in einen Weg ein und standen plötzlich vor den Grabsteinen. Jakob hatte den Friedhof wie ein Spürhund gefunden.
Die Gräber lagen an einem steilen Hang, verwittert und überwachsen, die Grabsteine ragten schief aus der Erde. Ein verlassener jüdischer Friedhof, aber friedlich und schön, romantisch. Das viele Laub, die Wurzeln, die sich aus dem Boden wanden, das frische Gras, die Sonne schien durch die Zweige. Die meisten Gräber waren aus dem 19. Jahrhundert, einige wenige im hinteren, oberen Teil des Friedhofs erst zehn, zwanzig Jahre alt. Auf manchen Gräbern lagen kleine Steine. Jakob fotografierte einige Gräber, versuchte die Grabinschriften zu notieren, von denen die meisten auf Hebräisch waren. Er sagte zu mir: "Je mehr ich mich mit Schuld und Verbrechen beschäftige, desto mehr verblassen diese beiden Wörter, desto vager wird mein Begriff von ihnen. Ich weiß nur, dass mein Vater schuldig war und dass seine Schuld nicht gesühnt wurde. Dass er immer uneinsichtig war und uneinsichtig gestorben ist."

© 2007 Bibliothek der Provinz, Weitra.

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