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Jürgen Lagger: Öffnungen.

Ein Maßnahmenkatalog.
Graz-Wien: Literaturverlag Droschl, 2005.
128 S.; geb.; Eur(A) 16,-.
ISBN 3-85420-680-1.

Link zur Leseprobe

"Öffnungen" ist nach dem Roman "Kreuzblütler" das zweite Buch von Jürgen Lagger. L., der Held in diesem Text, ist einer, der die Welt umdrehen möchte, aus Ordnungen reißen. Aber vor allem einer, der sich dahin denkt alle Spalten und Ritzen abzudichten, Öffnungen jeglicher Art zu schließen. Was zwar psychologisch bedenklich, aber zumindest gegenständlich unbedenklich damit beginnt, Spalten und Öffnungen im Wohnraum zu schließen, Risse in den Wänden abzudichten, die Fenster dunkel zu verkleben, damit nicht mal mehr die Sonne irgendwelche Schattenmuster werfen kann, endet fatal.

Für L. beginnt sich die Welt zu verändern und auch die Wahrnehmung. Vordergrund und Hintergrund wechseln, zwischen innen und außen gibt es keine klaren Grenzen, Zwischenräume gewinnen an Bedeutung, Sichtbares und Unsichtbares verschwimmen. Wenn früher Buchstaben und Worte ein erkennbares und verstehbares Muster ergaben, so sind es nun für L. die Zwischenräume, die Leerzeichen, die im Vordergrund sind. Wenn auch nicht als ein verstehbares Muster. Was früher als Leere bezeichnet wurde, Ritzen und Spalten, oder eben Zwischenräume, wird hervorgehoben und erhaelt "dingliche" Bedeutung, bzw. werden die Dinge unbedeutender. Das Eigentliche, der Raum oder die Leere, "wäre durchsetzt von vergänglichen / zumeist belanglosen Zwischendingen".

L. muss jedoch erkennen, dass es nicht ausreicht Tür und Fenster zu verriegeln, je mehr er die Welt ausschließt um so lebendiger wird ein neuer Kosmos aus Ungehörtem und Unsichtbarem. L. studiert die Ameisenarmee, welche durch seine Küche marschiert. Und Eier erhalten besondere Bedeutung. Akribisch listet er die einzelnen Schichten eines Eies auf. Und es scheint perfekt abgeschlossen. Ist es ein vorgeburtlicher Zustand, den L. ersehnt? Wesentlich ist auch die Wirkungsweise von chemischen Dichtungsmitteln. Die Welt wird ihm fremd in den neuen Mustern.

Was mit durchaus philosophischen Gedanken und Fragen beginnt gleitet über in einen Gedankenwahn. Dramatisch werden diese Gedankengänge, die sich irgendwie verselbständigen, in bezug auf den Menschen, den Körper. Jürgen Lagger stellt Fragen ganz an der Basis der Körperlichkeit und der menschlichen Natur. Der Körper scheint ihm ein schlecht organisiertes Ding, durchzogen von Öffnungen (Ohren, Nase, Haut, ...) und mit "unbotmäßig abstehenden Dingen" (die Gliedmaßen), die im Wege sind. L. wäre gerne ein Mensch, der nicht die Atmung zum Leben braucht, nicht Nahrung von außen, nicht Sexualität, nicht Verbindung zu anderen oder zum Lebendigen. "warum überhaupt dieser ganze umständliche Austausch?". Die bekannte Welt löst sich für L. auf, sein Bemühen geht dahin alle Verbindungen nach Außen, jeglichen Austausch zu verhindern. Der Text von Jürgen Lagger trägt den Untertitel "Ein Maßnahmenkatalog". Sein Held L. setzt Maßnahmen zur absoluten Abgeschlossenheit. Er möchte ein absolut abgeschlossenes System, ein sich selbst genügendes Selbst sein.

Der ganze Text ist geschrieben ist einer sonderbaren, einnehmenden Sprache. Es ist eine gebrochene Sprache mit einer eigenen Grammatik. Und es zeigt sich eine poetische Leichtigkeit und Nüchternheit im Erzählen. Der Schmerz verzichtet auf eine Sprache des Schmerzes, wie auch die Angst eine leichte Sprache behält, eine Art kantischer Interesselosigkeit. In vielen kurzen Sequenzen beschreibt der Autor die Entwicklung des Gedankensystems seines Helden.

Jürgen Lagger konfrontiert uns erbarmungslos mit einem Menschen, der jegliche Art von Verbindung nach außen, Offenheit gegenüber dem Leben und Beziehungen abwehrt. Vielleicht eine dramatische Überzeichnung von gesellschaftlichen Befindlichkeiten wie Fremdheit, Orientierungslosigkeit und Verschlossenheit gegenüber Mitmenschen und Lebendigkeit. Erschreckend, dass L. keinen seiner Gedanken auf eine Lebenspraxis hin überprüft. Nein, der Wahn einer absoluten Abkapselung, Einschalung steckt ihm so stark im Kopf, dass er vor keiner Maßnahme zurückschreckt, welche die Verbindung nach außen, das heißt zum Leben, zur Welt verschließt.

 

Simone Czelecz
18. April 2005

Originalbeitrag

 

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