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Ludwig Laher: Herzfleischentartung.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2001.
192 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85218-346-4.

Link zur Leseprobe

Es ist nicht nur ein weiteres Bedenk- und Erinnerungsbuch, das der aus Linz stammende Autor Ludwig Laher mit dem in seiner Heimat spielenden Roman "Herzfleischentartung" vorgelegt hat. Freilich geht es auf den ersten Blick um die Geschehnisse rund um ein sogenanntes "Arbeitserziehungslager" der SA, aus dem später ein sogenanntes "Zigeuneranhaltelager" wurde. Beide Lager existierten in den Jahren 1940/41 im Innviertel und fielen, wie die meisten anderen Einrichtungen dieser Art, bis vor kurzem der allgemeinen, typisch österreichischen öffentlichen Amnesie nach 1945 anheim.

Doch das brisante Thema allein macht nicht die Qualität des Textes aus; ebensowenig wird es in spekulativer, voyeuristischer Weise abgehandelt. Die nachhaltige, immer wieder schockierende Wirkung der Lektüre beruht vielmehr auf einer eigentümlichen Dynamik, die die genauestens recherchierten Berichte über die Abläufe der Nazi-Bürokratie und grausamste Quälereien der ihren Bewachern wehr- und schutzlos ausgelieferten Lagerinsassen entwickeln. Es ist geradezu unmöglich, als Leser distanziert zu bleiben und einfach eine Lektion in Sachen Zeithistorie über sich ergehen zu lassen. Im stilistischen Sinne hauptverantwortlich dafür ist eine Position quasi zwischen den Zeiten, die der kollektive Wir-Erzähler des Romans einnimmt. Mit seiner Hilfe gestaltet Laher eine ständig changierende Perspektive, die es erlaubt, Vergangenes und Gegenwärtiges, Zitate, Schilderungen und Kommentare praktisch übergangslos souverän miteinander zu verknüpfen. Resultat ist eine komprimierte und luzide durchgeführte Analyse des tödlichen Kreislaufs von legalisierter Willkür einerseits und der Situation völlig entrechteter Menschen andererseits.

Dabei wird die Tendenz des Buchs nie explizit, obwohl Laher offensichtlich alle Ungeheuerlichkeiten mit Dokumenten zu belegen vermag. Ihm geht es aber nicht darum, nach 60 Jahren ein paar Schuldige an den Pranger zu stellen oder sie als billiges Alibi für viele andere, die sich in der Etappe des Alltagsfaschismus eingerichtet haben, zu funktionalisieren. Seine Beschäftigung mit Einzelpersonen ist nicht primär biographisch motiviert (vgl. S. 141: "Um die Wahrheit zu sagen, der Alois als Individuum wird uns auch weiter nicht mehr interessieren als bisher."). Daher gibt es auch keine Protagonisten im üblichen Sinn, denn als Identifikationsfiguren eignen sich weder die Täter noch die Opfer dieser Geschichte. Stattdessen nimmt Laher das gesellschaftliche System von Hitlers Reich pars pro toto ins Visier und dessen Fundamente aus Widersprüchlichkeit, Chauvinismus, Gewaltverherrlichung und Denunziation. Er rekonstruiert strukturelle, politische Zusammenhänge und entsprechende Mentalitäten, ohne die einen mit den anderen im Kurzschlussverfahren zu erklären oder gar zu entschuldigen. Der geistige Bogen, der von ihm gespannt wird, reicht bis tief in die zweite österreichische Republik, ja, bis in die Gegenwart hinein.

Dem Zynismus, der die unterschiedlichen Strategien der Parteifunktionäre, Politiker, Polizeibeamten, Ärzte, Staatsanwälte, Richter u.a. zur Sprachregelung des Vorgefallenen kennzeichnet (man beachte den Buchtitel als einst diagnostizierte Todesursache einer Frau!), versucht Laher in den markantesten Passagen des Buchs mit gleichen Mitteln beizukommen, ohne seinerseits politisch korrekte Antifa-Slogans oder standardisierbare Abschwörformeln zu propagieren.

Arno Rußegger
24. April 2001

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