logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Leseprobe: Hilde Langthaler - "Ungeschichten"

Seit ihrer Hochzeit vor zwölf Jahren lebt sie, wie viele andere grüne Witwen, in den Betonbauten der Ölfeldsiedlung weit draußen am Stadtrand.
Zehnstöckige Gebäude, graue Bunker, die Wohneinheiten wie Sardinenbüchsen aufeinandergeschachtelt, dazu eine winzige Grünanlage, für die Kleinsten eine Sandkiste voll Hundekot und Kinderurin. Daneben eine Tafel mit der Aufschrift: Lärmen und Ballspielen verboten, der Rasen darf nicht betreten werden.
Kindergärten, Schulen und Kaufhäuser sind weit. Der überfüllte Autobus fährt nur selten durch die Vorstadtstraßen, vorbei an Fabriksmauern, ständig wechselnden Baustellen, hohen Bretterwänden une einem langen Autofriedhof.
Zweimal täglich nimmt sie diesen Bus, bepackt mit Einkaufstaschen, die Kinder an der Hand; sie schaut nicht zum Fenster hinaus - es lohnt sich nicht - an all das ist sie längst gewöhnt und Neues gibt es nicht zu sehen.

Ein Tag wie jeder andere: Die Arbeit will ihr heute so gar nicht von der Hand, wohl hat sie bereits Staub gesaugt, die Betten gemacht, Boden gewischt, Wäsche sortiert, trotzdem - heut ist ein schlechter Tag! Beim Geschirreinräumen ist ein Teller zerbrochen, die Handwäsche - besonders die verdammten Herrensocken wollen gar nicht mehr sauber werden - dabei ist es doch schon so spät! - ihre Hände zittern kaum merklich - es wartet noch ein riesiger Stoß Bügelwäsche. Die Kinder sind im Kindergarten, der Mann wie immer im Büro, wie jeden Tag ist sie allein (mit dem bisschen Hausarbeit, wie es so heißt). Sie steckt das Bügeleisen ein, zuerst die Leintücher, Handtücher, Taschentücher - das Telefon klingelt:
Ob sie doch so nett sein könne, heute auch die Kinder der Frau Fromm, von Stiege neun, die wieder in die Nervenanstalt musste, vom Kindergarten mit nachhaus zu nehmen?
Selbstverständlich! Grüße und gute Besserung!
Sie bügelt weiter Herrenhemden, Kinderkleider, Kinderhosen, Kindernachthemden - verbrennt sich die Finger, zwei dicke rote Blasen haben sich gebildet - schnell ein Pflaster drauf und weiter Kinderkleider... Was ist das heute wieder für ein Tag! Das Essen muss doch auf den Tisch, vorher die Kinder abgeholt - und immer noch dieser Stoß Bügelwäsche! Die Hände zittern, sie nimmt eine grüne Tablette (damit geht ihr die Arbeit viel schneller von der Hand) und bügelt Kinderkleider und Pyjamas, dann nochmals Leintücher, Handtücher, und schließlich wieder Herrenhemden, schaut auf die Uhr ... Mensch! Schon bald zwölf! - Sie nimmt die Tasche, wirft den Mantel über - der Lift steckt doch natürlich wieder! - Sie rennt die Stiege hinunter zur Bushaltestelle.

Hundert Meter vom Kindergarten hört sie schon die Zornesschreie ihres Jüngsten; sie rast die Stiegen hinauf. ... Mami, der Peter hat mir den Bären weggenommen! ...

© 2001, Ohrbuch Verlag, Wien, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
PODIUM-Themenheft "Heldenreise" – Thomas Ballhausen | Patricia Brooks | Ilse Kilic | Carsten Schmidt

Mi, 24.04.2019, 19.00 Uhr Zeitschriftenpräsentation mit Lesungen Helden reisen und kehren...

Literaturhaus-Textwerkstatt

Do, 25.04.2019, 18.00-21.00 Uhr Uhr Schreibwerkstatt für Autor/inn/en von 18 bis 26 Jahren Die...

Ausstellung
Hommage an Jakov Lind (1927-2007)

01.04. bis 25.04.2019 Der Autor, Maler und Filmemacher Jakov Lind, 1927 als Sohn jüdischer Eltern...

Christine Lavant – "Ich bin wie eine Verdammte die von Engeln weiß"

09.05. bis 25.09.2019 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk und die...

Tipp
Soeben erschienen – die flugschrift Nr. 26 von Thomas Havlik

Thomas Havliks poetisches Tun ist an den Grenzen von Sprache angesiedelt, dort, wo Sprache...

ZETTEL, ZITAT, DING – GESELLSCHAFT IM KASTEN

Noch bis 23. Mai ist Margret Kreidls Zitatkasten-Kunstwerk im Literaturhaus zu sehen....