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Christian Loidl: Icht.

Wien: Edition Selene, 1999.

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Außen bibliophil mit Silberschrift auf ansprechend dunkelblauem Karton, innen reichlich rätselhaft: die LeserInnen wurden wohl selten so alleine gelassen wie in Christian Loidls "Icht". Der Text ist ein Antiroman, ein Experiment, ein überdimensionales Brainstorming zu unzähligen Themen in verschiedenen Sprachen, Dialekte eingeschlossen. Satzfetzen, manchmal sogar Wortfetzen, sind ohne jede Interpunktion aneinandergereiht, unter völligem Verzicht auf Groß- und Kleinschreibung zu einem einzigen 70 Seiten langen Textfeld zusammengefügt, das man eher durchsurfen kann als wirklich lesen.

Oberösterreichischer Dialekt wechselt sich ab mit hochdeutschen, französischen, englischen und undefinierbaren Elementen, die ebenso Verfremdungen aus anderen Fremdsprachen sein wie der Phantasie des Autors entstammen könnten. Obwohl dieses "mixing the languages" das Verständnis nicht gerade erleichtert, entsteht der eigentliche Turmbau zu Babel-Effekt hauptsächlich durch die inhaltlichen Sprünge, deren Motivation keine erkennbare Assoziationskette mehr zu sein scheint. Aber trotz oder vielleicht doch eher wegen dieser Spontaneität macht die Lektüre Vergnügen und fordert auch immer wieder witzige Momente zu Tage. Der Autor der "Zaubersprüche" und "Wiener Mysterien", der sein Publikum schon immer gern zum Lachen brachte, zeigt, daß auch die radikalste experimentelle Prosa keineswegs nur ernst zu sein braucht.

Der Titel "Icht" ist programmatisch, darüber läßt uns der Autor denn doch nicht im unklaren. Aus einem Bernhard Lang-Zitat, das als Motto den Text einleitet, erfahren wir, daß hier auf das mittelhochdeutsche Wörtchen "iht" verwiesen wird, das etwa so viel bedeutet wie "irgendetwas". Im übertragenen Sinn bedeutet es für Lang "das Fehlen einer bestimmten Differenz, einer bedeutenden Form, einer inhaltlichen Repräsentation". Sehr passend. Aber das ist noch nicht alles: "Andererseits verstand ich den Namen ICHT als Kontraktion von ICH-NICHT oder nICHT; das Ich ... in seinem Verschwinden, in seiner Ent-Mächtigung." So Lang. Und es ist auch in Loidls "Icht" kein Ich, kein Erzähler, aber auch kein Du oder Er oder Sie mehr spürbar, "Icht" ist ein Text wie Internet (Hyperfiction?), wie kollektives Gedächtnis, wie Drogenrausch oder der Versuch, vielen Menschen gleichzeitig zuzuhören.

Unwillkürlich beginnt man nach einem Schlüssel zu suchen, um den Code zu knacken, als könnte vielleicht einer von Loidls frühen Zaubersprüchen eine Geheimtür in das Textfeld öffnen, als müßte man diese Gesprächs- oder Assoziationsfragmente nur in der richtigen Reihenfolge lesen, um ein gewohntes Ganzes zu erhalten ... wir sind längst darüber hinaus, von Texten Geschichten zu erwarten, aber wir trachten doch meist danach, gewisse Aussagen festzumachen.
Und so kommen wir aus Italien über New York zu Dalai Lama und Zen, treffen Kreisky, Falco und Klingonen, den Hunger in der Welt, Steppenwolf und Marihuana. Und das Choas läßt sich nicht ordnen, es sträubt sich, entzieht sich, als wollte es sagen: mit mir nICHT.

Sabine E. Selzer
15. März 2000

 

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