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Florjan Lipus: Herzflecken.

Roman.
Aus dem Slowenischen von Johann Strutz.
Klagenfurt: Wieser, 1999/2000.
394 S., geb.; öS 350.-.
ISBN 3-85129-288-X.

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Ein alter Mann schläft mit einer alten Frau. Ihre Lust füllt die Seiten von Florjan Lipus' neuem Roman "Herzflecken". Die kühle ironische Sprache des Autors wird überschwenglich beim Anblick der sich liebenden Alten.
Ihre jäh aufgeflammte Leidenschaft ist der Trost, den der Autor für seinen Protagonisten Franz Buterna bereithält.
Lipus beginnt seinen Roman mit bekannten Szenarien aus seinem Werk - der Roman ist übrigens wie immer zuerst Jahre zuvor auf Slowenisch erschienen: Dörfliche Enge und Engstirnigkeit bilden den Hintergrund für seine Geschichte, der Autor beschreibt eine Heimat fern jeder Idylle. Die Menschen, die sein namenloses Kärntner Dorf bevölkern, sind abgestumpft und verroht. Am Dorfkirchtag entblößt sich das Volk in seiner schillernden Bösartigkeit. Beim Zeltfestgelage wird gesoffen, was das Zeug hält. Zum Höhepunkt des Tags versucht die Meute, einen Seiltänzer mit glasig-trunkenen Blicken in die Tiefe zu zwingen. Gegen Abend verkommt die Liebe zum schnellen, öden Kraftakt im Schatten der Friedhofsmauer.

Franz Buterna ist ein Außenseiter in diesem Getriebe. Er beging als Jugendlicher das Sakrileg, die Gemeinschaft zu verlassen. Das Dorf ist bei Lipus ein hermetisch abgeschlossenes soziales Gefüge mit streng festgelegter Hackordnung, in dem alles Fremde fremd bleibt. Niemand scheint die Dorfgemeinschaft je freiwillig zu verlassen, niemand je freiwillig anzukommen.

Warum kehrt Buterna zurück?
Er weiß um die Feindseligkeit und Aggression, die dem Eindringling entgegengebracht wird.
"Ich werde sterben", gibt er zur Antwort, und zum Sterben braucht es die Kindheit. In seinem Elternhaus beginnt Franz Buterna seine Erinnerungsarbeit. Bilder von seinem gehaßten Vater tauchen auf, er findet Spuren seines früh verunglückten Bruders. Buterna erinnert sich an den Krieg, in dem er als Botenjunge mit codierten Nachrichten ausgeschickt wurde, auch wenn ihm erst viel später klar wird, daß die altmodischen Kochrezepte, mit denen er sich auf den Weg machte, über Leben und Tod entschieden. Er erinnert sich auch an den Giftpilz, der als Folge seines Hasses statt einer Seele in seinem Kinderkörper heranwuchs.

Der Vater, die Mutter, der Bruder, der Krieg, der Tod.
Florjan Lipus' Roman "Herzflecken" beginnt als melancholisches Traktat über das Sterben eines einsamen alten Mannes. Mit wissenschaftlicher Präzision hat der Autor die Rahmenbedingungen für Buternas langsamen Abgang geschaffen, als der Kreislauf der Todesgedanken jäh unterbrochen wird. In das langsame Sterben tritt die einstige Jugendliebe Helena und Franz Buterna verliert den Kopf. Eine späte und um so heftigere Leidenschaft erfaßt ihn. Buterna stellt den Tod in seinen Winkel zurück, die Vergangenheit ist vergangen, das Leben ein Fest.

"Er haspelt sich also in das Gekräusel von Helenas Wäldchen, reibt am Schamhügel, fährt mit den Fingerspitzen die Spaltlippen entlang. Munda cor meum ac labia tua, haucht er den Psalm hinein."
Florjan Lipus schwelgt in den sexuellen Abenteuern seines Liebespaars. Er läßt seinen Erzähler kopfüber in die Sprachlosigkeit des Sprachüberschwangs stürzen. So arbeitet auf der einen Seite Franz Buternas Schwengel, Schlegel, Stengel, sein Kahlkopfstamm, der Harte, das Horn und empfängt auf der anderen Seite das weiche Sumpfland, das Halleluja und Erbarmedichunser. Lateinische Zitate schwirren über die Seiten. Griechische und römische Götter versammeln sich im Schoß der Geliebten. Die beiden vergehen vor Lust.

Noch ehe die Dorfklatschmäuler über die Eindringlinge herfallen können (auch Helena ist eine von draußen) und kurz bevor dem Erzähler die Superlativa ausgehen, endet die Geschichte. Helena stirbt an ihrem schwachen Herzen, und auch Franz Buterna holt den Tod wieder aus dem Winkel.
"Der Außenseiter, ausgeschlossen aus ihrem Leben im kleinen und in den Augenblicken der schicksalsschwersten Erfahrungen, war von weit her angereist, um hier seinen Platz einzunehmen, war gekommen, um abseits und hinten zu stehen, diesmal hinten an der Wand der Leichenhalle."

Anne M. Zauner
10. April 2000

 

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